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Full text of "Peire Cardenals Strophenbau in seinem Verhältniss zu dem anderer Trobadors"

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^ Peire Oardenals Strophenbau in seinem 
_ Verhältniss zu dem anderer Trobadors. 



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BBg INAUGUBAL-DISSEKTATION, 



zur 



iCO 



Erlangung der Doctorwürde 

bei 

hochlöbliclier philosophischer Facultät zu Marburg 

eingereicht 
von 

Friedrich "Wilhelm Maus 
aus Dabierbrücke (Prov. Westfalen). 



Marburg. 

Universitäts-Bucbdruckerei. (R. Friedrich). 
1882. 



Die provenzalische Poesie ist wesentlich Kunstpoesie; 
diesem Charakter entsprechend liegt ihr Hauptreiz in einer 
gefälligen äussern Form: »in ihr zeigt sich die Kunstpoesie in 
ihrer wahren Bedeutung und in ihrem vollsten Glänze« (Diez, 
Poesie der Troubadours, pag. 88). Wäre sie nicht in dieses 
künstliche Gewand gekleidet, so würde sie schwerlich, allein 
auf Grund ihres Inhalts, der vielfach typisch und eng um- 
schrieben ist, einen so mächtigen Einfluss auf die Dichtung 
benachbarter Nationen ausgeübt haben (cf. Diez, a. a. 0. pag. 232 f.). 

Es liegt auf der Hand, dass die ältesten Troubadours nur 
über eine geringe Anzahl verschiedenartiger Strophenformen 
verfügten und erst im Laufe der Zeit sich jene Mannigfaltigkeit 
und Kunstmässigkeit der strophischen Form entwickelte, wie 
wir sie bei einem Guiraut de Borneil], Bertran de Born, Gaucelm 
Faidit u. A. beobachten können. Auch trägt nicht jedes einzelne 
Gedicht eines Troubadours eine eigentümliche Form; vielmehr 
lässt sich bei näherer Prüfung der Formen eines Dichters die 
Beobachtung machen, dass gewisse Strophengrundformen wieder- 
kehren, mit anderen Worten, dass den meisten Dichtern eine 
gewisse Vorliebe für eine oder mehrere Strophengrundformen 
eigen ist. Ich greife einige Fälle dieser Art hinsichtlich der Reim- 
stellung heraus. Die letztere ist meist auch characteristisch für 
das Silbenschema der Strophen, indem dieses, wo überhaupt 
ein Wechsel der Silbenzahl innerhalb der Zeilen einer Strophe 
stattfindet, fast durchweg dem Reimschema analog ist, oder 
wenigstens nicht im Widerspruch damit steht. Zur Veran- 
schaulichung dieser Eigentümlichkeit sind selbstverständlich nur 



2 



solche Dichter geeignet, von denen uns eine verhältnissmässig 
grosse Anzahl von Liedern überliefert ist. Der älteste uns be- 
kannte Troubadour, Guillem IX. von Poitou, bevorzugt 
zweireimige Strophenformen; folgende Formen treten in seinen 
Gedichten auf: 

a n a ii a iS 4f* 5. «8 a 8 a 8&4 a 8&4 Cl ü dl (8 S.) 10. 

a i\ a i\ a u 3. a 8 a 8 a 8 a 8 6 4 a 8 & 4 2. a ab cb c (SS.) 1. 

a 8 a 8 a 8 & 4 c 8 ö 4 12. a b b a ab (8 S.) 8. 

d,d ,a\bid,b% 6. 

Die Form von Gedicht Nr. 12 erweist sich auf Grund ihres 
metrischen Baues als eine Modification der Form aaabab, 
da in beiden das Silbenschema 8 8 8 4 8 4 zu Grunde liegt. 
Dagegen lassen die Formen aabcbc 1 und abbaab 8 mit 
diesem Grundtypus sich schwer in Einklang bringen. Abgesehen 
von Gedicht Nr. 6 lässt sich bei Guillem IX. keine Mischung 
heterogener Verse beobachten, aber diese Chanzoneta wird auch 
aus anderen Gründen (schwere und weibliche Reime, es ist 
kein vers) von Prof. Stengel Guillem IX abgesprochen. 

Bei Marcabrun ist zunächst die dreizeilige Strophenform 
GuillemIX. in eine 9 zeilige aufgelöst, nach folgendem Schema: 

O'^a^b^c^c^b^d^dJ)^ 24. 

Die Form aaab (8S.) weist 23* auf; als Modificationen 
derselben sind folgende zu betrachten: 

aabab (8 S.) 8. a a a V a a V (7 S.) 30. 

aabaab (8S.) 15. 22*. a \a\a\b' ,c 3 c,c 3 c 3 c s c^ ' s 25*. 26. 

Aus Guillem IX. Form a 8 a 8 a 8 & 4 a 8 & 4 ist die Strophenform 
aabccb hervorgegangen, die sich mit folgendem Silbenschema 
4 4 8 4 4 8 in Gedicht Nr. 16 und 43*, sowie in dem von 
Aldric an Marcabrun gerichteten, B. G. 335, 20 verzeichneten 
Liede findet, dagegen aus lauter 8 -Silblern in Nr. 41* unseres 
Dichters aufgebaut ist ; ihre Herkunft aus der oben bezeichneten 



*) In den mit * bezeichneten Gedichten nennt sich der Dichter selbst. 



3 



Form Guillem IX. lässt auch die Form der Gedichte Nr. 33*: 
#8&8 a s&4 a »^4 (Reimsilben au, ül) und Nr. 21 d ,b f b d ,b\a\b\ 
(Reimsilben ana, üha) noch erkennen (s. Jahrb. XII, 5). Dagegen 
gehen folgende Formen auf den zuerst bei Gercamon auf- 
tretenden vierreimigen Typus ah ab cd (8S.) zurück: 

dbdbcd" (7 S.) 36* ababcdc (8 S.) 34. 39* 
ababccd (7S.)42. 28. a % b % a % b^c % d\c % d\ 13. 

ebenso a % a % b % c % d A d x c % c % b % 19* und aabbccd (8 S.) 40* 
a b' V cd' c d' (7 S.) 27, welche letztere als die Umkehrung von 
28 angesehen werden darf. 

Für Marcabrun ist character istisch , dass keine einzige 
seiner Strophenformen mit einem Reimpaare abschliesst. 

Bei Bernart de Ventadorn tritt schon eine grössere 
Anzahl verschiedener Formen auf, aber auch hier sind mehrere 
Grund -Typen unverkennbar. Die einreimige Strophe zeigt sich 
nur in Gedicht Nr. 28, wo sie aus je 7 männlichen 6 -Silblern 
aufgebaut ist. Eine zweireimige Strophenform weisen folgende 
Gedichte auf: 

dbabababb (6 S.) 36. ab'ab'aab' (10S.) 12. aabaab (10S.) 11. 
dbdbdbdbbd (<6S.) 37, a 8 ?/, a 8 6' , fr' 7 a 8 a 8 &' 7 19. abbaabba (8 S.) 40. 



dbdbdbbd (7S.)4. d s b 6 d s b 6 d s b 6 d s b 6 d 5 b e d s b 6 25. 

Die Mehrzahl seiner Gedichte ist aber in einer vierreimigen 
Strophe gebaut, und zwar gehören dem Typus ab ab II, (wo 
also der Aufgesang gepaart erscheint), folgende Formen an: 



da da a dda (7 S.) 9. 



ababccdd (7 S.) 6. 
a , ,&,a',& 7 c 6 Cg^ / 7 ^' 7 29. 
a 8 & 8 a 8 & 8 c 8 c 8 d 10 d l0 41. 
a 9 b 6 a & b & Ci c i Qd l0 d l0 39. 



ab ab c cd (7 S.) 30, vgl. 12. 



a fi b 6 a^bgC t c, d l 10. 
ababcdcd (8 S.) 43. 
a 8 & 8 a 8 & 8 c 8 d' 7 d' 7 c 8 17. 



4 

Der Typus abbalj ist durch folgende Formen vertreten: 

abbacca (8 S.) 32. abbacddc (8S.) 31., (10S.) 34. 

abbaccd (8. S.) 5. abbacd'd'c (7 S.) 8. 

db'b'accd' (10 S.) 42. ag& 8 &ga8c' T c',d 10 d 10 1- 
Zu beiden Typen können folgende Formen gerechnet werden: 

abaccdd (8S.) 15. abbccdd (7 S.) 45. abbcddc (8S.) 33. 

Von den übrigen Strophen formen , die sich sämmtlich als 
Erweiterungen eines der beiden Typen erklären lassen, treten 
in engere Beziehung abbacdce (7 S.) 16, abbacdc'ee (7S.) 20 
a s b B b^a & c' 6 c g d l0 e l0 e l0 13. einerseits und 

d \1) \d \c \d s d \e \ 26, a 8 & 8 a 8 c 8 c 8 dT 7 (f 7 e 8 21. andererseits. 

Eine 6 reimige Strophenform zeigt Nr. 38 nach dem Schema : 
abbacddcef (7S.), eine 8reimige Nr. 3: db'c'd'eef gh'gg (7S.). 

Bernart de Ventadorn zeigt starke Neigung für den 
10-Silbler, den Marcabrun noch kaum verwandte; statt dessen 
vermeidet er durchaus, die Gobla wie Wilhelm IX. und auch oft 
genug Marcabrun mit mehreren gleichreimigen Zeilen zu be- 
ginnen. Bemerkenswert ist auch der allerdings nur in Gedicht 
Nr. 22 vorkommende weibliche 8 -Silbler, gemischt mit männl. 
8 -Silblern und männl. 10 -Silblern. 

Bei Bertran de Born tritt zwar im Verhältniss zu seinen 
Vorgängern, wenn man die Arten der Verse innerhalb der ein- 
zelnen Strophen berücksichtigt, eine grosse Mannigfaltigkeit der 
metrischen Form hervor, indem einige Strophen sogar Mischung 
von vier Versarten zeigen, z. B. 26, 18, 3, 12. Auch seine 
Strophenformen sind teilweise recht künstlich zu nennen; gleich- 
wohl lassen sich die meisten in systematischen Zusammenhang 
mit einander bringen. Wiederholungen derselben Form begegnet 
man mehrfach, so aabaab (10 S.) 15 und Q^a^b' ,a % aj) , 14. 

a^a s b s b s c\b s c\ 16. 44; ababbccb (10S.) 43. 25; 

dbdbbbd (10S.) 1. 31; «io^i 0^10^10^7^10^10 4. 17. 

et, ft,a, &,c', 0&7 19; ababccdd (10 S.) 34. 

ababcbcb (10S.) 33 (Gobla 2 u. 5); ababccdd (10 S.) 7; 

a s b s a % b s c i c 5 d s d s 20. 



5 



Nr. 6, welches ebenfalls die Form ababccdd (10 S.) trägt^ 
gehört nicht Bertran de Born an (Stimm, pag. 82 f.). 

Die übrigen Formen sind zum grössten Theil auf eine der 
gewöhnlichen Grundformen zurückzuführen, so sind zunächst 
die Formen: 

ababccbb (8 S.) 45. a 8 &8 a 8&8 c 8^4 c » H- 

a^b ^a^b §c j qC i qC io^ io ^* ttfjb ^a^b qQ>qC 7 c 39. 

aus dem Typus ab ab c cd d hervorgegangen; desgleichen ist 
bei den Formen: 

a s b s b s a 8 c ,a 8 a 8 c' 7 35. abb ac ab c' (7 S.) 8. 

a 8 & s & g c' 7 & 8 & 8 c' 7 24. abbaabcbcb (8 S.) 10. 

der Typus mit gekreuztem Aufgesang abb all unverkennbar. 

Peirol bevorzugt zweireimige Goblen, wofür Gedicht 
Nr. 12, 14, 19 und 26 einen Beleg bieten. Arnaut Daniel 
dagegen wendet mit Vorliebe die Form an , welche sich durch 
das Reimschema abcdef oder abcdefg(h) darstellen lässt. 
Diesen Typus repräsentiren die Gedichte Nr. 14, 8, 4, 3, 10, 18, 13, 
9, 1, 17. Man wird nun von vorn herein nicht erwarten, dass 
sämmtliche Troubadours dieser metrischen Tendenz huldigten; 
einige machten sich von ihr frei und gingen ihren eigenen Weg. 
So vor allen Dingen Guiraut de Borneill (der sich nur einmal in 
der Form wiederholt in Gedicht Nr. 51 und 52), dessen Aus- 
nahmestellung sich durch den Umstand documentirt, dass unter 
den 80 von ihm überlieferten Gedichten nicht weniger als 54 
Strophenformen aufweisen, die in der übrigen Literatur nicht 
zu belegen sind. Eine Ausnahmestellung anderer Art nimmt 
Peire Gardenal ein, auch bei ihm stellt sich eine grosse Reich- 
haltigkeit an verschiedenen Strophenformen heraus; freilich 
kehrt zuweilen eine schon gebrauchte Strophenform wieder, von 
einer Bevorzugung gewisser Grundformen ist aber nichts 



6 

bemerkbar; im Gegensatze zu Guiraut de Borneill sind jedoch 
seine Strophenformen auch in der übrigen Literatur vertreten. 

Bei Peire Gardenal macht sich gerade das umgekehrte 
Verhältnis, wie bei Guiraut de Borneill geltend. Während 
nämlich (wie schon hervorgehoben) die Mehrzahl der Gedichte 
des letzteren bezüglich ihrer Strophenform isolirt dasteht, ihre 
Form also sicherlich sein Eigentum ist, und auch bezüglich 
der übrigen Gedichte Guiraut de Borneill in keinem Falle stricte 
Entlehnung der Form nachgewiesen werden kann, weisen von 
den 67 in Betracht kommenden Gedichten Peire Ca*denal's — 
Nr. 22 gehört zu Nr. 68; Nr. 14 ist ein Lehrgedicht in sechs- 
silbigen Versen und Nr. 35 stand mir nicht zur Verfügung — 
nur neun eine in der übrigen Literatur nicht weiter belegte 
Strophenform auf. Von diesen gehören drei der Gattung des 
»Descort« an, nämlich 59, 63 und 36. Da diese Dichtungsart 
eine besondere Untersuchung verdient, so begnüge ich mich 
hier damit, die formellen Berührungspunkte unserer drei Descorts 
mit andern Gedichten nachzuweisen, die Frage nach der direkten 
Beeinflussung seitens eines andern Descorts dieser Special- 
untersuchung zur Entscheidung überlassend. Hierbei würde 
namentlich auch zu untersuchen sein, ob die von der Theorie 
geforderte metrische und strophische Ungleichheit im Bau der 
einzelnen Coblen von den Dichtern durchaus beobachtet wurde 
oder ob davon Abweichungen zu constatiren sind. 

Die Strophenform von Peire Gardenal 63, Gobla 1 
und 2 zunächst stimmt mit der von P. Vidal 27 überein; 
der Reim b ist beiderseits gleich -is; mit Gobla 2 be- 
rührt sich noch enger Gobla 5 von P. Vidal 27, da in 
beiden Goblen die Reimreihe al, is zur Verwendung gelangt 
ist. Bezüglich Gobla 3, 5 und 6 von Peire Gardenal ist an 
Gedicht Nr. 7, 11 und 12 von Guillem IX. zu erinnern. Auch 
der Bau von Gobla 4 erweist sich auf Grund des die Strophe 
schliessenden kürzeren Verses (4 -Silblers) als volkstümlich (vgl. 
Bartsch, Jahrb. XII., 2 f.). 



7 

Hinsichtlich Peire Cardenal 59 habe ich folgende Analogien 
constatiren können : die Reimreihe ura, en, es in Gobla 1 und 2 
erinnert an Peirol 5, Bernart de la Barta 4 und Uc de S. Circ 
39; auch lassen sich unsere Goblen mit Hülfe einer nahe 
liegenden Emendation (vgl. die in Y anonym überlieferte Cobla 

2 unseres Gedichtes 461, 168) auf die diesen Gedichten zu 
Grunde liegende Strophenform zurückführen. Die Reimreihe 
(und Strophenform) von Gobla 3 (und 4) begegnet uns noch 
einmal bei Peire Gardenal, nämlich in Gedicht Nr. 65. 

Für Nr. 36 habe ich keine verwandten Strophenformen 
auffinden können; auch bin ich bezüglich des Baues dieses 
Descort nicht ganz sicher. Für Cobla 3 und 4 liegt die Zwei- 
teilung auf der Hand, jeder Theil besteht aus einer vierzeiligen 
Strophe nach dem Schema a\a' i b s b l ; dagegen stört in Gobla 

3 der vierte Vers den sonst sehr durchsichtigen Bau; noch 
unsymmetrischer erscheint aber der Bau der ersten Gobla; 
vielleicht ist aber dies der schlechten Ueberlieferung zur Last 
zu legen. Da Nr. 11 und 12 die nämliche Strophenform auf- 
weisen, so reducirt sich demnach die Zahl der nur bei Peire 
Gardenal auftretenden Strophenformen auf fünf. 

Abgesehen von diesen fünf vielleicht für Peire Gardenal 
in Anspruch zu nehmenden Strophenformen, begegnen demnach, 
wenn wir die mit mehreren Gedichten vertretenen Formen nur 
einfach zählen, nicht weniger als 43 zum Theil sehr verschiedene 
Strophenbildungen, deren Vorkommen auch in der übrigen 
Literatur nachzuweisen ist. Soll man nun annehmen, dass 
diese , ebenso wie bei Guiraut de Borneill , eigene Erfindung 
unseres Dichters sind? Peire Gardenal selbst giebt uns darüber 
keinen Aufschluss; es begegnet einerseits keine jener Wendungen, 
welche mit grösserer oder geringerer Wahrscheinlichkeit auf 
Originalität der Form hinweisen, wie z. B. in folgenden Fällen: 
Bertran de Born 22, Z. 6: E pensamens no m' enpacha Ni 
sabers nom fai sofracha De far un novel sirventes. Marca- 
brun 14, Tornada: Marcabrus a fag lo tresc e no sap don 



8 



mou la tresca. Marcabrun 9 : Aujatz de chan . . . e Marcabrus 
la razo el vers lassar e faire. Marcabrun 35: Pax in nomine 
Domini Fetz Marcabrus lo vers el so. P. Vidal 38: Pos ubert 
ai mon ric tesaur Trairai un gai sonet novel. P. Vidal 48, Guillem 
IX, Jaufre Rudel, Arn. Daniel in mehreren Gedichten u.a.m. 

Andererseits aber ist auch in keinem Falle angegeben, dass 
er sich ein anderes Gedicht zum Muster genommen hat — wie 
dies gebräuchlich gewesen zu sein scheint — : z. B. Uc de S. 
Girc 21 , Zeile 3 : donar l'o t'ai el son d'Arnaut Plagues. Uc. 
de S. Girc 42: Un sirventes voill far en aquest son d'en Gui. 
P. Bremon 20: Un vers voill comensar el son de ser Gui 
(Vorbild nicht erhalten). Bertran de Born 13, Cobla4: Gonselh 
vuelh dar el son de n' Alamanda (Guiraut de Borneill 69, vgl. 
Seite 21.) Guillem de Berguedan 7: Chanson ai comensada 
que sera loing chantada en est son veill antic que fetz Nat 
de Moncada (das Vorbild nicht mehr erhalten); ferner ohne 
Nennung des Verfassers des nachgebildeten Gedichtes: Guillem 
Anelier 1 : Ära farai , nom puesc tener Un sirventes en est 
son gay. Guillem Figueira 2 : Sirventes vuelh far en est son que 
m'agensa, und an vielen andern Stellen. 

Wir würden demnach in gewissem Sinne zu der oben aus- 
gesprochenen Vermutung berechtigt sein. Allein es ist von 
vorn herein wenig wahrscheinlich, dass ein Dichter der nach- 
classischen Zeit — denn als ein solcher ist Peire Gardenal 
doch anzusehen, da er zur Zeit des Albigenserkrieges und 
später dichtete — eine so grosse Anzahl verschiedener 
Strophenformen selbständig gebildet haben sollte. Nun zeigt sich 
allerdings, dass in vielen Fällen die bei Peire Cardenal auf- 
tretenden Formen schon bei früheren Dichtern anzutreffen sind, 
so bei Guillem IX., Bernart de Ventadorn, Marcabrun, Bertran 
de Born u. A. Es bleibt jedoch immerhin die Möglichkeit 
bestehen, dass er diese zwar benutzt, aber durch Ein- 
führung eines neuen Versmasses, einer neuen Reimreihe etc. 
seinem individuellen rhythmischen Gefühl entsprechend um- 



9 



gestaltet hätte, so dass noch eine * gewisse Originalität ihm 
gewahrt bliebe. Um diese Frage demnach endgültig entscheiden 
zu können, sind wir auf eine genauere Vergleichung der Ge- 
dichte Peire Gardenal's mit denjenigen anderer Dichter, die die 
gleiche strophische Form zeigen, hingewiesen. Diese Unter- 
suchung bietet auch aus folgendem Grunde ein gewisses Interesse. 
Man hat nämlich , gestützt auf vielfache Beobachtungen , und 
im Anschluss an die Definition der Leys d'amors I. , 340 und 
die Doctrina de compondre dictats (Rom. VI., 354], in neuerer 
Zeit entgegen der von Diez in »Poesie der Troubadours« aufge- 
stellten Erklärung die Ansicht vertreten, ein Sirventes habe 
stets Strophenbau und Melodie von einem vers oder einer canzo 
entnommen, es sei, mit andern Worten, im Dienst einer Ganzone 
gedichtet. (Rajna'sche Deutung : Giornale di fil. rom. IL, 73 f.) 
Allein diese Nachahmung ist nicht durchweg zu beobachten. 
Diese Ansicht hat denn auch schon eine ausführliche und 
gründliche Widerlegung erfahren durch Emil Levy, Guillem 
Figueira, ein provenzalischer Troubadour. Berlin 1880. S. 15 f. 
Da auch Peire Cardenal fast ausschliesslich die Gattung des 
Sirventes gepflegt hat, so können seine Gedichte von Neuem 
eine Entscheidung darüber herbeiführen helfen ; auf diese Frage 
hier jedoch näher einzugehen, halte ich nach der ihr von Levy 
zu Teil gewordenen Untersuchung für überflüssig; ich werde 
mich damit begnügen, zur weiteren Veranschaulichung des 
Levy'schen Resultates, bei den in Frage kommenden Gedichten 
jedes Mal die Gattung und die Anzahl der Strophen anzugeben. 
Es wird sich zeigen, dass sowohl Ganzonen als Sirventese als 
Muster gedient haben. Freilich wird sich nicht in allen Fällen 
eine zwingende Entscheidung treffen lassen ; manche in Betracht 
kommende Gedichte gleichzeitiger Troubadours geben uns nur 
unbestimmte und unzureichende chronologische Indicien an die 
Hand, so dass die Frage nach der Priorität des einen oder des 
arideren Gedichtes oft nur mittelst anderweitiger Kriterien ent- 
schieden werden kann, in einzelnen Fällen sogar unentschieden 



10 

bleiben muss. Gerade die Sirventese Peire Gardenal's bieten 
in dieser Beziehung öfters Schwierigkeiten dar. Da sie die 
Zustände der Zeit in allgemeinen Zügen schildern, so sind die 
Anspielungen — die den Zeitgenossen des Dichters sicherlich 
verständlich waren — für uns nur ungefähr mit historischen 
Ereignissen in Einklang zu bringen ; die unausbleibliche Gonsequenz 
davon ist, dass in einzelnen Fällen auf die genauere Datirung 
der Gedichte Verzicht geleistet werden muss. Die folgende 
Untersuchung versucht diese Frage so nahe als möglich ihrer 
Lösung zuzuführen, und auf Grund der sicheren Resultate wird 
sich dann ein klares Bild von der formellen Eigenart unseres 
Dichters gewinnen lassen. 

Ich benutze schliesslich mit Freuden die Gelegenheit, um 
meinen verehrten Lehrer, Herrn Prof. Stengel, welcher nicht 
allein mit bekannter Bereitwilligkeit das vielfach nur hand- 
schriftlich vorhandene Material zu dieser Untersuchung mir zur 
Verfügung gestellt hat, sondern auch durch manchen vortreff- 
lichen Wink die Förderung derselben sich hat angelegen sein 
lassen, meines wärmsten Dankes zu versichern. 



Wenden wir uns zunächst denjenigen Gedichten von Peire 
Gardenal zu, welche mit Liedern Bernarts von Ventadorn gleiche 
strophische Form zeigen; von diesen kommen folgende in Be- 
tracht: B. G. 70, 6; 12; 26; 40; 41; 43; 44. Von diesen sind 
sechs auf Grund der handschriftlichen Attribution für Bernart de 
Ventadorn durchaus gesichert. Eine Schwierigkeit könnte vielleicht 
Nr. 40 machen, weiches nur von C unserem Dichter beigelegt 
wird. Doch erweist sich dieses auf Grund des Inhaltes ebenfalls 
als Eigentum Bernart's (vgl. S. 16). Auch die Priorität Bernart's de 
Ventadorn gegenüber Peire Gardenal kann keinem Zweifel unter- 
liegen. Es kommt also nun darauf an nachzuweisen, dass die 



11 



Uebereinstimmungen in den einzelnen Fällen auffallend genug 
sind, um auf Grund derselben für Peire Gardenal Entlehnung 
annehmen zu können. 

Dies ist zunächst bei folgenden Gedichten der Fall: Bern, 
de Vent. 41 (Ganz.: 6 Gobi. 1 Tom.) und P. Card. 17 (Sirv.: 
5 Gobi. 1 Torn.). 

Die Strophenform , a 8 & 8 ee s & 8 c 8 c 8 d lo dio » ist sehr einfach 
und findet sich vielfach verwendet. Das Entscheidende für die 
Entlehnung ist der Umstand, dass neben gleicher Reimreihe 
(uelh, e, or, al) und gleichem Sibenschema in beiden Gedichten 
das Reimwort »cor« den Reim jeder sechsten Zeile in allen Goblen 
bildet. Bemerkenswert ist, dass die Mehrzahl der bei Bernart 
de Ventadorn vorkommenden Reimworte bei Peire Gardenal 
wiederkehrt (vgl. S. 29). 

Ferner: Bern, de Vent. 26 (Ganz.: 6 Gobi. 2 Torn.) und P. 
Card. 61 (Sirv.: 5 Gobi. lTorn.). Hier hat P. Gard. die Künstelei 
der Vokalreime wie Bern, de Vent. angebracht (vgl. S. 31). 

Die zu Grunde liegende Strophenform, die nur in diesen 
beiden Gedichten vertreten ist, lässt sich durch folgendes Reim- 
schema darstellen: 

a 7 &',a, c ,rf 8 d! 8 e' 7 

mit der Reimreihe: anda, uelh, anda, onda, ans, ans, enda. 
An der Entlehnung durch Peire Gardenal kann demnach wol 
nicht mehr gezweifelt werden. 

Dem Gedichte Bernart's de Ventadorn 44 (Ganz.: 6 Gobi. 

1 Torn.) ist weiter die Form von P. Gard. 25 (Sirv. : 5 Cobl. 

2 Torn.) entlehnt. In dieser Form, die dem Reimschema 

a\b' s a 1 b' 5 a 7 b' s a\b\c 6 c 6 C' I b / 5 

entspricht, ist ausserdem Peire Bremon9: (Sirv.: 5 Gobi. lTorn.) 
abgefasst. Die Kriterien, welche zunächst gegenüber Bernart 
de Ventadorn für P. Gard. die Entlehnung erweisen, sind: 

1) Das gleiche Versmass (s. das Reimschema); 

2) gleiches Geschlecht correspondirender Reimsilben (Gobi. 1 : 
oja, ura, oja, ura, oja, ura, oja, ura, or, or, or, ura bei Bern. 



de Vent., ura, esa, ura, esa, ura, em, ura, eza, or, or, or, eza 
bei P. Card.); 

3) gleiche Art der Reimablösung, nämlich: die zweite Gobla 
nimmt den Schlussreim der ersten als ersten Reim wieder auf, 
führt aber als zweiten Reim eine neue Reimendung ein, ebenso 
die 3. irn Verhältniss zur 2. Gobla u. s. f. ; 

4) gleiche Reimsilbe für den Reim c (—or); 

5) von den bei Bern, de Vent. auftretenden Reimsilben 
begegnen bei Peire Gardenal folgende: -ura und -ansa; im 
Laute nähern sich oja — onda, ona einerseits, isa — ia anderer- 
seits (vgl. in dieser Beziehung S. 19: B. de Born 37 und Peire 
Gardenal 19). 

Dass das im Reime der 9. Zeile jeder Gobla von Bernart 
de Ventadorn 44 auftretende Refrainwort »amor« von Peire 
Gardenal nicht nachgebildet ist, kann nicht weiter ins Gewicht 
fallen; jedenfalls wird dadurch die Tatsache der Entlehnung 
nicht in Zweifel gezogen. Es mag auf Zufall beruhen , dass in 
der ersten Gobla von P. Gardenal 25 in der 9. Zeile ebenfalls 
»amor« als Reim wort auftritt. 

Mit gleicher Bestimmtheit ist für das Lied Peire Bremon's 
Entlehnung anzunehmen; auffälliger Weise bildet aber nicht 
die Ganzone Bernart's de Ventadorn sein direktes Vorbild, sondern 
Peire GardenaPs Sirventes. Auch dieses Gedicht, ein Rügelied 
gegen Sordel, hat für den Reim c die Reimsilbe -or verwendet; 
das Versmass stimmt ebenfalls vollständig mit dem der beiden 
andern Gedichte überein; unser Gedicht weist jedoch keine 
Reimablösung auf, sondern Durchreimung auf Grund der Reim- 
reihe ensa, ia, or. Dies letztere beweist zugleich die Beein- 
flussung durch Peire Cardenal's Sirventes. Die Reime -ensa 
und -ia begegnen nur bei P. Gardenal (in der letzten Gobla 
seines Gedichtes); ausserdem ist auch in dem Sirventese Peire 
Bremon's das Refrainwort »amor« nicht vorhanden; »amor« 
steht allerdings 2 mal im Reime, aber beide Male in der vor- 
letzten Zeile; es ist sehr unwahrscheinlich, dass zwei Dichter 
selbständig den Gedanken gefasst haben sollen, die Form und 



13 



Weise eines Gedichtes nachzubilden, dabei aber von der 
Einführung der jenem charakterischen Künstelei abzusehen. Die 
Abfassungszeit von P. Card. 25 setzt nun Diez, a. a. 0. pag. 
458 in das Jahr 1219; die dichterische Tätigkeit Peire Bremon's 
fällt aber bedeutend später (cf. Diez, pag. 478 u. 581.) Zwar 
bietet die genaue Bestimmung der Lebenszeit dieses Troubadours 
erhebliche Schwierigkeiten. Wir sind, da eine Biographie nicht 
erhalten ist, allein auf die Gedichte angewiesen. Aber auch 
diese gewähren uns nur teilweise Aufschluss. Seine Liebeslieder 
zunächst sind hierfür wertlos, da in keinem derselben die Dame, 
die er besungen hat, namhaft gemacht wird, und nur in einem, 
Nr. 21 , ihr (wahrscheinlicher) Versteckname »Bels desiriers« 
auftritt. Aus seinen übrigen Liedern können wir jedoch ent- 
nehmen, dass er zur Zeit Sordel's (nach Diez 1225 — 50) gelebt 
hat; denn ihm gelten das vorliegende Sirventes, Nr. 18 
und Nr. 6. Sodann ist das Klagelied auf Blacatz (Nr. 14) 
sicherlich kurz nach 1236 entstanden, und zwar, wie aus dem 
Anfange dieses Gedichtes : »Pos partit an lo cor en S o r d e 1 s e'n 
Bertrans« hervorgeht, später als die diesem Fürsten gewidmeten 
Klagelieder Sordel's und Bertran's d'Alamanon (B. G. 437, 24 
und 76, 12). Demnach ist es überhaupt unwahrscheinlich, dass 
eins seiner Lieder früher als 1219 zu setzen ist. 

\ 

Dieselbe Strophenform, die P. Gardenal 17 zu Grunde liegt, 
begegnet auch in seinem Gedicht Nr. 55 (Sirv. : 5 Gobi., keine Torn.). 
Auch in diesem Falle hat Bernart de Ventadorn das Muster 
abgegeben , und zwar mit dem Gedichte 6 (Ganz. : 7 Gobi. 
2 Torn.). Das Versmass beider Gedichte ist der 7 -Silbler, die 
Reimreihe: or, en, at, o. Obgleich die Strophenform zu den- 
jenigen gehört, welche eine grosse Anzahl von Gedichten trägt, 
obgleich ferner bei dem verschiedenen Charakter der beiden 
Gedichte inhaltliche Beziehungen ausgeschlossen sind, so spricht 
doch die Tatsache, dass Bernart de Ventadorn wieder- 
holt nachgebildet worden ist, dafür, dass auch in diesem 
Falle Abhängigkeit anzunehmen ist, um so mehr, als die hier 



14 



verwendete Reimreihe in keinem einzigen anderen Gedichte 
wiederkehrt, welches unsere Strophenform zu Grunde gelegt hat. 

Die Form ababcdcd (8 S.) begegnet im Liede Nr. 43 von 
Bernart de Ventadorn: (Ganz.: 7 Gobi. 1 Torn.) Derselben 
Form, und zwar unter genauer Beobachtung der jenem zu 
Grunde liegenden Reimreihe, hat sich Peire Gardenal in dem 
Gedichte Nr. 58 (Sirv.: 5 Gobi. 1 Torn.) bedient (er, ai, e (en), 
on). Die nämliche Reimreihe liegt noch vor in: Joan Esteve 
10 (Planh.: 5 Gobi. 1 Torn.) und Guillem Anelier 1 (Sirv.: 
6 Gobi. 1 Torn.). Das sämmtlichen 4 Gedichten zu Grunde 
liegende Versmass ist der 8-Silbler. In Bezug auf die Priorität 
der Ganzone Bernart's den drei anderen Gedichten gegenüber 
kann zunächst kein Zweifel obwalten. Dass ferner Peire Gar- 
denal seinerseit der Zeit nach den Troubadours Joan Esteve 
und Guillem Anelier vorausgeht, wird durch den Inhalt dieser 
letzteren Gedichte selbst ausser Zweifel gestellt. Das Lied Joan's 
Esteve ist ein Klagelied auf den Tod eines Guillem de Lodeva, 
der nach Diez, Leben und Werke der Troub., pag. 600 im Jahre 
1289 starb. Bezüglich des anderen Gedichtes bietet uns das 
Geleit einen genügenden Anhaltspunkt; darin ist von einem 
Goms d'Astarac die Rede, dessen Ruhm sich weit ausdehnt, 
nnd weiterhin von einem Kinde, das die Macht des Hauses 
wieder herstellen wird. Unter den Grafen von Astarac kommt 
hier nur Gentule II. in Frage, welcher in jugendlichem Alter 
im Jahre 1233 zur Regierung gelangte. Wenn dadurch also 
die Priorität Peire Gardenal's ausser Frage gestellt ist , so sind 
wir doch nicht im Stande, die Abfassungszeit des letzteren 
Sirventeses selbst zu bestimmen. In dem Sirventese heisst es: 
»er liebe den Herrn Re und hasse den Gesto d'Amon, denn 
Herr Re thue, was sich gezieme, dieser aber plündere und 
schinde«. Es ist mir nicht gelungen, diese Fürsten oder Herren 
ausfindig zu machen. Kehren wir zur formellen Seite unserer 
Gedichte zurück, so ist hervorzuheben, dass Peire Cardenal und 
Joan Esteve die Reimreihe ganz genau nachgebildet haben, 
Guillem Anelier von Toulouse dagegen die Reimsilbe e durch 



15 

die Reimsilbe en (mit festem n) ersetzt hat. Man könnte daraus 
die Vermutung ableiten, er hätte die Form selbständig erfunden; 
dem widerspricht jedoch der Eingang seines Gedichtes , wo 
ausdrücklich angegeben wird, dass es in jenem fröhlichen Tone 
verfasst sei (Zeile 1: Ära farai .... un sirventes en est son 
gay, Ab bos motz leus per retener). 

In etwas freierer Weise ist das Gedicht Nr. 12 von Bern, 
de Vent. (Ganz.: 6 Gobi. 1 Torn.) nachgebildet; mit diesem 
zeigen die gleiche Strophenform — ab ab a ab — folgende Ge- 
dichte: Peire Gardenal 66 : (Sirv. : 5 Gobi. 1 Torn.) Guill. Montaign. 
6 (Ganz.: 5 Gobi. 2 Torn.) 461, 16 (Tenzone) Guill. de la Tor 3: 
(Sirv.: 2 Gobi.). Die Priorität muss auch hier zu Gunsten von 
Bernart de Ventadorn entschieden werden ; nun hat aber dieser 
nicht allein eine ganz andere Reimreihe, sondern auch Reim- 
ablösung alle zwei Goblen beobachtet, so dass der einzige weitere 
Berührungspunkt die gleiche Silbenzahl (10 -Silbler) ist. Das 
Sirventes Peire Gardenal's richtet sich zunächst gegen die über 
Hand nehmende Zuchtlosigkeit und geht dann zu einem heftigen 
Ausfall gegen die Geistlichkeit über. Im Geleit räth er einem 
Herrn, Namens Adhemar, dass er, um sich vor den Geistlichen 
zu schützen , mehr auf ihre Reden als auf ihr Thun achten 
möge. Wer damit gemeint ist, vermag ich nicht anzugeben. Das 
anonyme Gedicht bietet dieselbe Reimreihe wie dasP. Gard.'s Zwei 
Dichter, die sich gegenseitig mit dem Verstecknamen »Amics 
privatz« anreden, der demgemäss im Anfange jeder Gobla auf- 
tritt, behandeln darin die Frage, ob diejenige Frau vorzuziehen 
ist, die ihr Gemahl vernachlässigt, oder diejenige, welche eifer- 
süchtig bewacht wird. Die Abfassungszeit wird sich schwerlich 
bestimmen lassen, da die Ernennung eines Rodrigo zum 
Schiedsrichter zu unbestimmt ist. Der Troubadour Rodrigo, 
von dem uns eine Tenzone mit R. (B. G. 424, 1) überliefert 
ist, mag gemeint sein; aber auch für die nähere Bestimmung 
der Lebenszeit dieses Dichters liegen keine Anhaltspunkte vor. 
Guillem de la Tor 3, ein nur in D a erhaltenes Gedicht 
(zwei Goblen), hat zwar andere Reime verwendet (eu, ura), 



16 

aber die ursprüngliche Silbenzahl (den 10 -Silbler) beibehalten. 
Er lebte zur Zeit Sordel's , mit dem er eine Tenzone dichtete. 
Im Gegensatze hierzu hat zwar Guiliem Montaign. 6 dieselbe 
Reimreihe (ar, ia), wie Peire Gardenal verwendet, aber den 
10 -Silbler durch den 8 -Silbler ersetzt. Es ist wahrscheinlich, 
dass diese metrische Aenderung zugleich eine andere Melodie, oder 
wenigstens eine Modification der ursprünglichen, bedingte. Das 
Gedicht Guillem's Montaign. ist dem »valen rey d'Arago« ge- 
widmet, unter welchem Jacob I. (1213—76) zu verstehen ist. 

Endlich hat noch Peire Gardenal 47 (Sirv.: 7 Gobi.) die- 
selbe Strophenform wie Nr. 40 von Bernart de Ventadorn, 
(Ganz.: 9 Gobi. 1 Torn.) nämlich abbaabba; diese Form liegt 
ausserdem noch folgenden Gedichten zu Grunde: Bertran 3 
(Tenz.: 8 Gobi. 2 Torn.) Aim. de Peg. 43 (Ganz.: 5 Gobi. 1 
Torn.). 461, 63 (1 Gobla). Peire Bremon 17 (Ganz.: 5 Gobi. 
1 Torn.). Sordel 22 (französisch). Lamberti de Bonanel 1 
(Ganz.: 6 Gobi. 2 Torn.). Marcabrun 3 (6 Gobi. 1 Torn.), womit 
noch zu vergleichen sind: Matfre Ermengau 5 (MG. I., pag. 191). 
461, 23 (1 Gobla). Donna de Villanova (Gebet': 5 Gobi.), welche 
die einfache Form »a&fra« aufweisen. 

Das Lied Bernart's de Ventadorn ist nur in C erhalten; 
dass es ihm aber in der Tat gehört, geht aus Gobla 3 hervor, 
in der der Dichter sagt: »nur das süsse Gefühl eines Kusses 
könne ihn von diesem Leiden heilen.« Dies erinnert an Lied 
Nr. 39, in welchem er seine Herrin um die nämliche Gunst 
bittet (vgl. auch 28, Gobla 7 und 41, Gobla 6). Man wird diese 
Ganzone demnach in dieselbe Zeit, d. h. in den Beginn seiner 
Dichterlaufbahn setzen können. Hinsichtlich der Reimreihe 
berührt sich nur Peire Bremon 17 mit Peire Gardenal's Sirventes. 

Wenn wir das Gedicht Sordel's, weil französisch, ausser 
Acht lassen, so lassen sich auf Grund der Silbenzahl vier Gruppen 
unterscheiden : 

1) in 7-Silblern : Bertran 3 — Matfre Ermengau 5 — 461, 63. 



17 



2) in 8 -Silblern: Marcabrun 3 — Bern, de Vent. 40 ■— 
Peire Bremon 17 — Peire Gardenal 47. 

3) in 10-Silblern: Larab. de Bonanel 1 —461, 23 — Dame 
de Villanova. 

4) in 7- und 8-Silblern: Aim. de Peg. 43. 

Als Vorbilder für Peire Gardenal können, da Peire Bremon 
später gedichtet hat, nur Macabrun 3 und Bern, de Vent. 40 
in Frage kommen. Beide Gedichte sind in 8-Silblern abgefasst, 
also einem Vermass von hohem Alter; beiden Dichtern ist auch 
die häufige Verwendung dieses Versmasses eigentümlich. Bern, 
de Vent. gebraucht den 8-Silbler in 7 Gedichten ausschliesslich, 
in weiteren 12 Gedichten mit anderen Versarten gemischt; 
desgleichen findet er sich bei Marcabrun in 11 Gedichten aus- 
schliesslich, in 9 anderen Gedichten mit anderen Versarten 
gemischt. Die Strophenform ist jedoch nicht als eine besondere 
Eigenart eines der beiden Dichter zu erweisen, da sie sich nur 
in je einem Gedichte findet. Auch der Inhalt beider Gedichte 
leistet uns zur chronologischen Bestimmung keine Dienste. Für 
Marcabrun's Gedicht, eine Allegorie auf die Verworfenheit der 
Welt, ist charakteristisch die Verwendung des Ptefrainreimes 
»(sauzes e) saucs« in der 6. Zeile jeder Gobla. Welche Personen 
unter den in Gobla 4 genannten: Esteves, Gostans, Ucs und 
Berartz de Monleyder zu verstehen sind, weiss ich nicht anzu- 
geben. Wir müssen demnach auf eine endgültige Entscheidung 
der Priorität dieser beiden Gedichte verzichten. In jedem Falle 
können wir jedem der beiden Dichter Selbständigkeit der Er- 
findung beimessen, da ausser gleichem Versmass keine einzige 
Uebereinstimmung vorliegt. 

Bezüglich Peire Cardenal 47 und Peire Bremon 17, die 
neben gleichem Versmass auch dieselbe Reimreihe verwendet 
haben, möchte dies nicht anzunehmen sein. Es ist möglich, 
dass Peire Bremon das Sirventes Peire Gardenafs gekannt hat; 
nachweisbar ist die Entlehnung auch hier nicht. Aber auch 
das umgekehrte Verhältniss bleibt zu berücksichtigen (vgl. oben 

2 



18 



S. 13). Zur Fixirung des Sirventeses Peire Gardenais fehlt uns 
jeglicher Anhaltspunkt; es behandelt das beliebte Thema von 
der Habsucht der treulosen Geistlichen, »Carl Martell wusste sie 
in Schranken zu halten ;« (vgl. den Eingang von Garin le 
Loherain ed. Paulin Paris.) »aber diesen König erkennen sie 
als thöricht, denn sie lassen ihn Alles nach ihrem Willen thun 
und das, was er in Ehren halten müsste, entehren.« (Gobla 6.) 
Auch die Canzone Peire Bremon's liefert inhaltlich nach dieser 
Hinsicht keine befriedigenden Aufschlüsse. 

Das Gedicht der Donna de Villanova gehört der Zeit des 
Verfalls an ; es ist nach Angabe der Handschrift (Las joyas del 
gay saber p. 278) im Jahre 1496 verfasst. Die in P anonym 
überlieferte Gobla (B.G. 461, 63) gehört zu keinem der übrigen 
Gedichte dieser Form, was schon auf Grund der Reimsilben 
(esta, ar) ausgeschlossen ist. Die 4 Verse Matfre Ermengau's 
sind im Breviari d'amor dieses Dichters citirt; sie treten in 
metrischer Beziehung zur ersten Gruppe. Dorthin gehört auch 
die Tenzone von Bertran (B. G. 75, 3), einem Dichter, der uns 
nur als Verfasser von Tenzonen bekannt ist. « In dieser Tenzone 
(mit Gausb. de Poicibot) tritt von zwei zu zwei Goblen voll- 
ständiger Reimwechsel ein. Aimeric's de Pegulhan Lied ist 
eine Ganzone an seine Herrin. Zur ungefähren Datirung bietet 
uns die Tornada einen Anhaltspunkt; hier heisst es: 

Reis d' Aragon, chascun dia 

Son vostre ric don plus cabal, 

Tant gen i sabetz metre sal 

Ab solatz et ab paria. 
(s. denselben Ausdruck in 39, Tornada.) Die Entscheidung 
schwankt zwischen Petrus II. (1196—1213) und Jacob I. (1213—76). 
Da er aber in andern Gedichten, z. B. »Pos descubrir ni retraire« 
(B. G. 10, 42) »Gar fui de dur' acoindansa« 10, 14 und »En 
aquel temps quel reis mori n'Anfos« (10, 26) Petrus II. preist, 
so möchte auch für dieses Gedicht derselbe gemeint sein; die 
Ganzone müsste dann vor 1213, dem Todesjahre Petrus IL, 
entstanden sein. Das Gedicht Lambertis de Bonanel 1 endlich 



19 



ist eine Ganzone, wahrscheinlich auf Beatrice d'Este, die in der 
Tornadaals die beste der Welt hingestellt wird (Biatritz d'Est, la 
mieiller etz c' anc fos — . . . Qu'el mon non cre q'en aja tant 
valen — Qui vol gardar totas bonas razos). Das Gedicht ist 
in 10- Silblern mit Beobachtung von Reimwechsel von zwei zu 
zwei Goblen abgefasst. Diez, Leben und Werke, pag. 438 Anm. 
führt nach Muratori 3 Prinzessinnen von Este des Namens 
Beatrix auf. Wahrscheinlich ist die Nichte Azzo's VII. gemeint, 
dieselbe, die auch Aim. de Peg., z.B. in 10, 25 Tornada: »Na 
Biatritz d'Est, tant etz fin e ferma Quil vostre sens nois camja 
nis desferma« besang, die beiden andern nahmen den Schleier; 
diese wurde 1234 mit Andreas II. von Ungarn vermählt. 



In zweiter Linie kommt für unseren Dichter Bertran de 
Born in Betracht, dessen hervorstechende Strophenformen auch 
andere Troubadours zur Nachahmung angeregt haben. 
In 8 Fällen tritt er mit ihm durch gleiche Strophenform in 
Beziehung; jedoch ist nicht immer die Priorität auf Seiten 
Bertrans de Born gegenüber sonst in Erwägung zu ziehenden 
Dichtern. Die Priorität vor Peire Gardenal ist jedoch zweifellos 
(cfr. Stimming, Bertran de Born, Einleitung). 

Das Gedicht Nr. 37 (Sirv.: 5 Gobi. 2Torn.) hat Peire Gardenal 
formell in seinem 19. Gedicht (Sirv.: 5 Gobi. 1 Tora.) nach- 
gebildet. Es ergiebt sich aus folgenden Uebereinstimmungen : 
Die Form beider Gedichfe ist : a da d d dbbbbb (8 S.) ; sie 
sind beide Sirventese, das Peire Gardenal's gegen eine be- 
stimmte Person, Esteve de Belmont, das Bertran's gegen die- 
jenigen Leute, welche ihm besonders verhasst sind (allerdings 
erst von Gobla 4 ab). In beiden Sirventesen wird der Reim b 
durch die Reimsilbe -or gebildet; ebenso tritt beiderseits für 
den Reim a von Gobla zu Gobla eine neue Reimendung auf; 



20 



hier liegt allerdings eine Verschiedenheit vor; aber auch diese 
Reimsilben lassen erkennen, dass der eine Dichter von dem 
Sirventes des andern beeinflusst ist; die Reime sind; eja, onha, 
acha, ia, ossa einerseits, oja, ona, ossa, ina, osa andererseits 
(vgl. S. 12). Hierzu kommt noch die auffällige Verwendung eines 
Eigennamens im Anfang jeder Gobla, bei Bertran de Born: 
Rassa, bei Peire Gardenal : Esteve. 

Hier ist noch Mönch von Montaudon 10 zu besprechen, 
welches nach Angabe der Handschrift B »el so de la Rassa« 
gedichtet sein soll (cf. Bartsch in der Recension von Stimming's 
Bertran de Born in der Zs. f. rom. Phil. III, 410). Die diesem 
Gedichte — es ist ein Enueg — zu Grunde liegende Form zeigt 
allerdings enge metrische Verwandtschaft mit der unserigen; 
bemerkenswert ist, dass auch Peire Gardenal in seinem Sir- 
ventes, dem, was ihm missfällt — nämlich der schändlichen 
Tat Esteve's de Belmont — kräftigen Ausdruck verleiht und, 
vielleicht nicht zufällig, mit: »D'Esteve de Belmont m'enoja« 
beginnt. Die Strophe zählt beim Mönch von M. freilich zwei Verse 
weniger, als die bei B. de Born, und zwar zwei Verse, die auf den 
Reim a hätten ausgehen müssen ; doch dies fällt bei einem Gedicht 
aus zweireimigen Goblen nicht weiter in's Gewicht, da man 
doch annehmen darf, dass für jede auf gleichen Reim und 
zugleich gleiche Silbenzahl ausgehende Zeile die gleiche rhythmische 
Singweise vorhanden gewesen ist. Die weiteren Unterschiede 
bestehen darin, dass auch für den Reim b Reim Wechsel von 
Gobla zu Gobla eingeführt wird und dass kein Eigenname, 
sondern die Wendung: Bern enoja regelmässig als Coblen- und 
ausserdem innerhalb der Goblen häufig als Zeilenanfang wieder- 
kehrt. Das letzere könnte jedoch ebensogut auf Rechnung der 
Eigentümlichkeit des »Enueg« überhaupt geschrieben werden 
(vgl. Mönch von Montaudon 8 und 9). Demnach bleibt die 
die Möglichkeit der Entlehnung immerhin bestehen uud ist der 
Angabe der Hs. R wohl Glauben zu schenken. 



21 



Eine zweireimige Strophenform liegt ferner in folgenden 
Gedichten vor : Guiraut de Borneill 69 (Ganz. : 8 Gobi. 2 Torn.). 
Bertran de Born 13 (Sirv.: 4 Gobi. 1 Toni.). Peire Gardenal 
45 (Sirv.: 5 Gobi. 1 Torn.). 

Der Erfinder dieser Form — «'^^'lo^io^io^'io^^io^ — 
ist Guiraut de Borneill; von diesem hat Bertr. de Born die 
Form entlehnt, wie aus folgender Stelle, worauf Bartsch (Zs. f. 
rom. Phil. III., 409) aufmerksam gemacht hat, hervorgeht; 
Cobla 3, 1 von Bertr. de B. heisst : »Gonseilh vuolh dar el son 
de n' Alamanda«, was auf den Eingang von Guiraut's de Borneill 
Ganzone : »S'ieus quier conseill, belh' amig' Alamanda« unzwei- 
deutig hinweist. Die formellen Berührungspunkte beider Ge- 
dichte liegen zunächst im Versmass, dann in der Verwendung 
der nämlichen Reimsilbe (-atz) für den Reim b. Abgewichen 
von dem Original ist Bertr. de Born insofern, als er nicht, wie 
Guiraut de Borneill, für den Reim a Reimwechsel von zwei zu 
zwei Goblen eingeführt, sondern den Reim -anda, der nur in 
den beiden ersten Goblen von Guiraut's Liede auftritt, für 
sämmtliche Goblen beibehalten hat. 

Bezüglich Peire Gardenal's Sirventes ist. ebenfalls Entlehnung 
der Form anzunehmen. Er hat zwar ein ganz anderes Silben- 
schema (77777575) zu Grunde gelegt und auch dem Reime 
b eine weibl. Geltung gegeben. Das erstere hat sicherlich eine 
andere Melodie (oder wenigstens eine Modification der ursprüng- 
lichen) bedingt. Weiter kommt von den bei ihm für den Reim 
a gebrauchten Reimendungen keine in den beiden andern Ge- 
dichten vor. Trotzdem müssen wir auf Grund der seltenen 
Strophenform auch hier Entlehnung annehmen. Schwieriger 
zu entscheiden ist die Frage, welches von den beiden Gedichten 
das direkte Vorbild für ihn gewesen ist. Wenn einerseits die 
Beobachtung von Reimwechsel hinsichtlich des Reimes a aut 
Guir. de Borneill hinweist, dem er in mehreren Fällen die Form 
zu seinen Gedichten entlehnt hat, so spricht doch sein Charakter 
als Sirventesendichter mehr für Bertr. de Born. Auf Grund 



22 



dieses Umstandes hat auch Bartsch , a. a. 0. pag. 409 f. , sich 
für letzteren entschieden. 

Eine einfache, aber durch die Reimreihe und das Silben- 
schema hervorstechende Form — ab ab c c d d — hat Peire 
Gardenal dem Liede Nr. 20 von Bertr. de Born (Sirv. : 6 Cobl. 
1 Torn.) entlehnt, nämlich in seinem Gedichte Nr. 40 (Sirv.: 
5 Gobi. 1 Torn.). Diesem Gedichte gehört auch die anonym 
überlieferte Gobla 461, 71 (als Gobla 2) an (nachgewiesen von 
Stengel, »Studien über die prov. Liederhandschriften« in der 
Zs. f. rom. Phil. IL, 389 Anm.). 

Das beiden Gedichten — Sirventesen — zu Grunde liegende 
Reim- und Silbenschema lässt sich so darstellen: 

a 6 b H a 8 & 8 c 5 d s d s 

artz, ans, artz, ans, ors, ei 

Peire Cardenal's Rügelied richtet sich gegen die Franzosen; 
für thöricht hält er Apulier und Lombarden und Longobarden 
und Deutsche, wenn sie die Franzosen und Picarden zu Herren 
verlangen. Diez, a.a.O. pag. 460 bezieht dies auf das Bündnis 
des deutschen Kaisers Friedrich mit Philipp II. August von 
Frankreich gegen Otto IV. (1212). Zu dieser Zeit stimmt die 
Anspielung auf den Grafen von Montfort, Gobla 2, 5: »E tema 
meyns mort — Qu'el coms de Monfort — Qui vol qu'a barrey — 
Lo mons Ii sopley«, die ich jedoch nicht mit einem bestimmten 
Vorfalle in Verbindung zu setzen weiss. 

In den folgenden Gedichten lernen wir Peire Gardenal als 
Nachahmer von einer neuen Seite kennen; die Strophenform 
ababbcc'b (10 S.) haben folgende Gedichte: Bertran de Born 
25 (Halbsirv.: 3 Cobl. 1 Torn.). Peire Gardenal 56 (Sirv.: 4 
Cobl.). Blacatz 3 (Tenz.: 2 Cobl.). Raimbaut de Vaqueiras 15. 
461, 63 N (handschriftlich). Faure 1 R (handschriftlich). 

Sowohl das Gedicht Bertran's de Born, als das Peire Cardenal's 
ist nur in einer Handschrift überliefert, dieses in .ß, jenes in 
M. Für Bertran de Born ist das Gedicht aus innern Gründen 
gesichert; auch an Peire Cardenals Autorschaft für das andere 
dürfen wir wohl festhalten, da keine der Handschrift E wider- 



23 



sprechende Attribut ion vorliegt. In beiden Gedichten ist die 
Reimreihe os, iers, ansa verwendet ; das entscheidende Kriterium 
bildet jedoch die enge inhaltliche Verwandtschaft, die sich 
sogar auf gleiche Wendungen erstreckt; einige fast wörtliche 
Uebereinstimmungen (vgl. S. 35) verdienen notirt zu werden : 

Bertr. de B. 3, 1: Trompas .... senheras e penos. 

Peire Card. 3, 1 : senhieiras e penos. 

Bertr. de B. 1, 2: qu'en brieu veirem. 

Bertr. de B. 2, 2: en brieu veirem camps. 

Peire Card. 3, 2: e veirem per los fassendiers. 

Peire Card. 1, 2: veyrem tendre per pratz. 

Peire Card. 2, 4: veyrem armatz. 

Peire Card. 3, 4: veirem pel plan. 
Hiernach kann man nicht mehr an der Entlehnung durch Peire 
Gardenal zweifeln. 

Unter den übrigen Gedichten bieten noch besonderes Interesse 
Raimb. de Vaq. 15 und Blacatz 3; das erstere beginnt: »En 
Ademar, chauzetz de tres baros«, das letztere: »En Pelissier, 
chauzetz de tres lairos«. Der erstere lässt seinem Gegner die 
Wahl zwischen drei Baronen, deren Eigenschaft er ihm angiebt, 
der letztere zwischen drei Dieben, die gleichfalls in der ersten 
Gobla. näher bezeichnet werden. Es liegt auf der Hand, dass wir 
es hier mit einer »Parodie« zu thun haben (vgl. S. 33). Daraus, dass 
in dem Gedichte Raimbaut's de Vaqueiras Perdigo gleichfalls 
eine Entscheidung über die aufgeworfene Frage treffen soll, 
geht hervor, dass das Lied ziemlich spät anzusetzen ist; gleichwol 
kann es nicht nach 1207 entstanden sein, denn nach diesem 
Jahre hat der Dichter Raimbaut schwerlich noch gelebt (cf. 
Diez, Leben und Werke pag. 297.). 

Das in N erhaltene anonyme Gedicht (461, 43) liefert einen 
neuen Beleg zu jener Art von Tenzonen, die nur einen Ver- 
fasser haben (vgl. B. G. pag. 35); sie reiht sich hierin den 
ähnlichen Tenzonen des Mönches von Montaudon an; auch sie 
ist, wie des leteren Gedicht Nr. 12 und 7, eine Tenzone mit 
Gott. Faure 1, gleichfalls der Gattung der Tenzonen angehörend , 



24 



hat eine andere Reimreihe verwendet, nämlich utz, o, ensa; 
das Versmass ist aber, gleich den übrigen, der 10-Silbler. Von diesem 
Dichter ist uns nur diese Tenzone erhalten; auch über den 
Interlocutor Falconet lässt sich auf Grund der zwei von ihm 
erhaltenen Tenzonen nur so viel bestimmen, dass er zur Zeit 
des Kaisers Friedrich II. von Deutschland gelebt haben muss. 
Die in unserer Tenzone genannten Personen, wie Martin, 
Lauziniers, Richaval d'Azillers, Garin d'Anjers, (vielleicht Garin 
d'Apchier?) weiss ich nicht mit historischen Persönlichkeiten 
zu identificiren. 

Auch bei den folgenden Liedern, denen die Form 

^ 10^10^10^ lO^ä^i^i^ ^5 f 5 f 5 C S C 7 

aire, ut, ut, aire, an, an, 0. an, ors, enha, en/ia, an, an, an 

zu Grunde liegt, lassen sich inhaltliche Beziehungen, wenn auch 
weniger auffälliger Natur, nachweisen, nämlich bei: Peire 
Raimon de Toi. 9 (Ganz. : 6 Gobi. 1 Tora. , wozu P. Raim. de 
Toi. 2 gehört). Bertr. de Bora 26 (Sirv.: 5 Gobi. 3 Tora.). 
Peire Card. 2 (Sirv.: 5 Gobi. 1 Torn.). 

Die Erfindung dieser Strophenform ist mit grosser Wahrschein- 
lichkeit Peire Raimon de Tolosa beizumessen; er sagt im Eingang 
seiner Ganzone, »er wolle, da er von »Ereubut« (Versteckname 
für seine Geliebte) dazu beauftragt sei, und ihn treue Liebe in 
Fesseln halte, ein neues Liedchen (un nou chantaret prezan 
machen« ; und es liegt kein Grund vor, diesen Ausdruck nicht 
wörtlich zu nehmen. Ihn hat dannBertran de Born nachgebildet, 
und dieser ist seinerseits wieder von Peire Gardenal benutzt 
worden. Bertran's de Born Lied ist ein Klagelied auf den Tod 
des Königs Heinrich von England, der am 11. Juni 1183 einem 
hitzigen Fieber erlag. Peire Gardenal spielt auf dieses, jeden- 
falls seiner Zeit beliebte Gedicht offenbar an, wenn er sagt: 
»Wie man seinen Sohn oder Vater oder einen Freund beklagt, 
wenn der Tod ihn hinweggerissen hat, so beklage ich vielmehr 
die Ueberlebenden , die hinterlistigen, treulosen Menschen.« 
Wie Bert ran de Born, um den Gegenstand seiner Klage hervor- 



25 



treten zu lassen, 3 Coblen mit Senker bezw. Reis cortes beginnt, 
so lässt auch Peire Cardenal durch die Strophenanfänge: »Tot 
lo mon planh«, oder »Home planh« oder »Mout plane« den 
Gharacter seines Gedichtes erkennen. 

In der folgenden Gruppe von Gedichten, deren strophischer 
Bau sich durch das Reimschema ab ab c beb darstellen lässt, 
sind die Berührungspunkte der einzelnen Glieder unter einander 
weniger eng; dieser Form gehören an: Bertran de Born 19 
(Ganz.: 5 Gobi. 1 Torn.). Peire Cardenal 30 (Sirv.: 5 Gobi. 
Horn.). Raimon Gaucelm 6 (Tenz.: 6 Gobi. 2 Torn.). Guillem 
de Mur 2. Peire Bremon 18 (Sirv.: 5 Gobi. 1 Torn.). Guigo 
de Gabanas 3 (Tenz.: 2 Gobi. 2 Torn.). 

Sämmtliche Gedichte stimmen darin überein, dass sie für den 
Reim c eine weibliche Reimendung benutzt haben; und zwar 
liegt die nämliche (e — eta) folgenden zu Grunde: Raimon 
Gaucelm 6, Peire Card. 30 und Guill. de Mur 2. — Raimon 
Gaucelm 6 steht nun einerseits wieder mit Peire Cardenal 30 
durch gleichen Reim für a(—ol), andererseits mit Guillem de 
Mur 2, durch gleichen Reim für 6(=o), in näherer Beziehung. 

Es ist zunächst unzweifelhaft , dass das Gedicht Bertran's 
die Priorität beanspruchen kann. Das Lied geht auf Mathilde, 
Tochter Heinrich L von England, und muss vor dem Tode der 
Herzogin (f 1189) entstanden sein (cf. Stimming, Bertran de 
Born, Einleitung pag. 23 und Cledat, Du röle historique de 
Bertrand de Born in der Bibliotheque des ecoles francaises 
d'Athenes et de Rome, fascic. septieme, pag. 80). Zu dieser 
Zeit hatte sich sicherlich keiner der übrigen Dichter schon 
poetisch versucht. Nun gehen aber Peire Cardenal und Bertr. 
de Born in metrischer Beziehung vollständig auseinander; während 
dieser in seinem Gedichte das Silbenschema : 10, 7, 10, 7,10 ,7, 10 ,7 
aufweist, sind sämmtiche Verse Peire Cardenal's 10 -Silbler. 
Dazu kommt, dass die Reimreihe Bertran's de Born 19 (is, au, 
ana) vollständig isolirt dasteht. Es ist demnach für diesen Fall 
die Entlehnung sehr unwahrscheinlich. Dagegen tritt hier der 
Fall ein, dass die Form Peire Cardenal's der Nachahmung 



anheimgefallen ist und zwar hat zunächst Raimon Gaucelm 
seine Form benutzt, von dem sie dann weiter Guillem de Mur 
entlehnte. Die formellen Berührungspunkte, aus welchen sich 
dieses Abhängigkeitsverhältniss ergiebt, sind schon oben hervor- 
gehoben. Das Sirventes Guillem's de Mur bezieht sich auf den 
siebenten Kreuzzug. In der Tornada wird der Erzbischof von 
Toledo gebeten, den König von Aragon an die Erfüllung seines 
Gelübdes zu erinnern. Diez, a. a. 0. pag. 599 bezieht dies 
auf Jacob I. von Aragon (1213—76). Jacob I. trat seinen Kreuzzug 
im Jahre 1269 an, führte ihn aber nicht aus. Peire Bremon's 
Sirventes bezieht sich auf seinen Zeitgenossen Sordel, mit welchem 
er in einen heftigen Streit gerathen war. Die Reimreihe ist: 
el, es, enda; das Versmass der 10-Silbler. Die beiden Gedichte 
von Raimon Gaucelm und Guigo de Gabanas sind Tenzonen, 
das erstere mit Joan Miralhas, das letztere mit Bertrand' Alamanon. 
Eine nähere Fixirung derselben ist auf Grund der vorhandenen 
Anspielungen nicht möglich. Guigo de Gabanas spricht von dem 
grossen Kriege der beiden Grafen, in welchem er sicherlich den 
Schild und die Lanze Bertran's unversehrt lassen würde. (Ez 
eu lor dis qu'en la guerra sobreira Dels dos comtes laissei 
certanamen Vostr' escut san e vostra lanz' entieira). Auch er 
verwendet den 10-Silbler und die Reimreihe: oill, en, eira. 
Da jedoch ohnedies feststeht (s. pag. 28), dass dieser Dichter 
einer späteren Zeit angehört, so ist die genauere Bestimmung 
seiner Lebenszeit für unsere Zwecke von nebensächlicher Be- 
deutung. 

In der Form ababccdd berührt sich Peire Gardenal mit 
Bertran de Born noch ein zweites Mal; im Ganzen kommen 
folgende 10 Gedichte in Betracht, die alle die Reimreihe an, 
el(h) f es, o(n) und als Versmass den 10-Silbler benutzt haben: 
Bertran de Born 34 (Sirv.: 7 Gobi. 2 Torn.). Guillem de St. 
Leidier 3 (Ganz.: 6 Gobi. 2 Torn.). Bertran de Paris de Roergue 
(G. 1,3,5, 8, 10 Gobi. 3 Tora.). Joan d'Albuzo 3 (Sirv.: 2 
Gobi. 1 Torn.). Raimon Gaucelm 3 (Sirv.: 5 Gobi. 1 Tora.). 
Raimon Miraval 43 (Sirv.: 2 Cobl.). Peire Gardenal 57 (Sirv.: 



27 



6 Cobl. 2 Torn.). Bertran Carbornel 87 (1 Cobla). 461 , 33 
(1 Cobla). 461, 80 (1 Cobla). 

Wir können uns hier auf eine Bestimmung des wahrscheinlich 
ältesten Gedichtes beschränken, da von einer Entlehnung im 
bisherigen Sinne des Wortes kaum die Rede sein kann. Hierauf 
wird das Sirventes Bertran's de Born am meisten Anspruch 
machen können. Zwar herrscht bezüglich der Fixirung dieses 
Liedes bei den beiden Biographen des Dichters keine Ueberein- 
stimmung; Stimming setzt es in das Jahr 1184, während Cledat 
a.a.O. pag. 68 es dem Frühjahr 1186 zuweisen möchte. Jeden- 
falls aber ist es vor dem 19. August 1186, dem Todestage 
Gottfried's von der Bretagne, entstanden ; denn diesem werden in 
Cobla 4 noch Vorwürfe gemacht. 

Ungefähr um dieselbe Zeit wird auch die Canzone von Guill. 
de St. Leidier verfasst sein, dessen Blüte in die Jahre 1180 — 1200 
fällt. Das Lied ist der Vizgräfin von Polignac gewidmet, die 
er unter dem Verstecknamen »Bertram« besang (cf. Diez, 324). 
Wer unter dem Grafen Raimon zu verstehen ist (Tornada IL: 
»Bertram, la filha al pro comte Raimon Degra'n vezer qu'il 
genza tot lo mon«), ist aus dieser Stelle allein nicht zu entnehmen. 
Auch seine übrigen Gedichte geben darüber keinen Aufschluss. 
Das Sirventes Peire Cardenal's lässt sich, wie die meisten seiner 
Gedichte, ebenfalls nicht genauer bestimmen. Die zweite Tornada 
bietet zwar folgende Bemerkung: »Faidit, vai t'en chantar lo 
sirventes Drech al Tornel a'n Guigo , qui que pes , Car de 
valor non a par en est mon Mas mon senhor en Ebles de 
Clarmon«. Da Peire Cardenal's wahrscheinlicher Geburtsort Puy 
Sainte-Marie nicht weit von Clermont entfernt liegt, so ist denkbar, 
dass er zu den Grafen von Clermont in einem Dienstverhältnis 
gestanden hat. Leider aber finde ich unter den Grafen von 
Clermont keinen des Namens Ebles. Ebensowenig lässt sich 
der Name Guigo mit einem Troubadour dieses Namens in 
Verbindung bringen. 

Sämmtliche übrigen Gedichte gehören einer späteren Zeit 
an. Joan d'Albuzo 3 zunächst, ein persönliches Rügelied gegen 



28 



Sordel, muss im zweiten Viertel des 13. Jahrh. entstanden sein. 
Dieses Sirventes ist nur in H erhalten und die Uebersetzung 
desselben bietet Schwierigkeiten. Die erste Gobla spielt jedoch 
offenbar auf die vermeintliche Tapferkeit Sordel's an, die auch 
Peire Bremon zu einem Vorwurf veranlasste (B. G. 330, 6), 
(vgl. Diez 470 Anm. und 480). Als Antwort auf diesen Angriff 
steht in der Hds. H das Gedicht Sordel's : Bei cavalier (B. G. 
437, 6), das zwar weder dieselbe Strophenform noch dieselbe 
Reimreihe — es ist nach dem Schema abbaccdd (10 S.) ge- 

or, an, ia, ir 

baut — beibehalten, aber mit dem vorigen Liede unzweifelhaft 
in Zusammenhang steht. Wohl nicht zufällig sind die beiden 
letzteren Gedichte, Joan d'Albuzo 3 und Sordel 6, aus je 2 
Goblen und 1 Tornada bestehend, jedes mit einem Refrainwort 
versehen; dort bildet »vostra domna« die Anfangsworte, hier 
»amor« das erste Reimwort jeder der beiden Coblen. 

Raimon Gaucelm 3, ebenfalls ein Sirventes, wird an seinen 
Bruder Raimon Gaucelm gesandt nach Pales; unter diesem ist 
der »Senhor von Uzest« zu verstehen, wie aus der Ueberschrift 
zu dem Liede : Bei senher dieus, quora veyrai, mo fraire (gedr. 
M. W. III, 161) hervorgeht; Ucest (das lateinische Ucetia) liegt 
östlich von Gevaudan, die Stadt selbst nördlich von Nismes. 

Die Strophenform des Spruches von Bertran Garbonel endlich 
ist dem Sirventese Peire Cardenals entlehnt, den er zu wieder- 
holten Malen zum Muster genommen hat, ja selbst einmal citirt 
(B. D. pag. 7, 6). Ich werde auf die formelle Abhängigkeit 
Bertran CarboneFs von Peire Gardenal an einer anderen Stelle 
zurückkommen. 

Gleiche Form mit Peire Gardenal's 20. Lied (Sirv. : 5 Gobi. 

1 Tora.) zeigt endlich noch Bertran de Born 11 (Sirv.: 8 Gobi. 

2 Tora.); jedoch hat letzerer in diesem Falle nicht das Muster 
für jenen gebildet, sondern das Gedicht von Peire d'Alvernhe: 
(B. G. 323, 15) (Ganz.: 7 Gobi. 2 Torn.). Derselben Strophen- 
form — ababcdc — gehören noch an: Marcabrun 34 (7 Gobi.; 
Reimreihe : ans, ir, ans, ir, ar, ort, ar), Marcabrun 39 (9 Cobl. ; 



29 



Reimreihe: atz, ü$k atz, ute, «s, ir, es), Bort del rei d'Ar. 3, 
Rostanh. Berenz. 1 (2 Coblen). 

Dass zunächst die Form des Gedichtes von Peire Gardenal 
dem Liede Peire's d'Alvernhe entlehnt ist, geht aus der voll- 
ständigen Uebereinstimmung des Versmasses und der Reimreihe 
beider hervor. Das folgende Schema giebt davon eine Ansicht : 

P. d'AlV. tt 8&8 tt 8 & 8 C lod 10 ClO 

ers, is, ers, is, ics, eis, ics, 

P Card. a ^s ft 8^ c io^oC, 

* er*, t's, ers, is, ics, eu, ics. 

Die einzige Divergenz erstreckt sich also auf die für den Reim 
d verwendeten Reimsilben (-eis und -etz). Es ist jedoch nicht 
notwendig, hier Peire Gardenal absichtliche Abweichung von 
seinem Vorbilde zuzuschreiben, am einfachsten ist diese Ver- 
schiedenheit dialektischen Einflüssen beizumessen. Lautlich mag 
eine gewisse Ausweichung vorhanden gewesen sein ; etymologisch 
sind beide Silben auf dieselbe lateinische Grundlage zurückzu- 
führen; dies wird durch die vorkommenden Reimworte selbst 
ausser Zweifel gesetzt z. B. freis bei P. d'Alv. Zeile 6; fretz 
P. Card. Z. 13; destreis P. d'Alv. Z.13; destretz P. Card. Z. 34. 
(vgl. in dieser Beziehung Bertran de Born 5 und Blacatz 8). — 
Bemerkenswert ist — eine Erscheinung, der wir schon einmal 
S. 11 begegneten — , dass nicht weniger als 15 Reimworte Peire 
d'Alvernhe's in Peire Cardenal's Sirventes wiederkehren, es sind: 
sabers, pics, vezis, jazers, enics, gics, destrics, vers, mendics, 
volers, antics, rics, plazers, poders, abrics. 

Peire d'Alvernhe's Lied muss vor 1180 entstanden sein; 
in der zweiten Tornada ist von einem König Ludwig von 
Frankreich die Rede (Per qu' ieu cosselh ja no t' en desrazics; 
Quar mais conquis aqui on ilh m'ateis, Que sim dones Fransa 1 
rei Lodoics). Da unser Dichter, den Diez von 1155—1215 
(wohl etwas zu spät) ansetzt, den König Ludwig VIII. (1223—26) 
nicht mehr gekannt haben kann, so ist Ludwig VII. (1137—80) 
hier gemeint. Ob der in der 1. Tornada genannte Audric von 
Alvernhe, »welcher den vers auf der Geige wird spielen 



30 

können«, identisch ist mit dem im Leben Mareabrun's begegnenden 
Audric del Vilar, muss unentschieden bleiben. 

Hier tritt uns noch die Frage nahe, ob auch die übrigen 
Dichter unter dem Einfluss der Form des Liedes von Peire 
d'Alvernhe stehen. Dies ist sowohl hinsichtlich Mareabrun's, 
der die Strophenform in zwei Gedichten zeigt, als Bertran's de 
Born unwahrscheinlich. Des ersteren Lieder sind sogar wahr- 
scheinlich noch früher entstanden, als das Peire's d'Alv. , da 
die jüngsten datirbaren Gedichte Mareabrun's dem Jahre 1147 
angehören (Romania VI., 129). Bertran de Born könnte beein- 
flusst sein, da sein Lied nach dem Jahre 1183 entstanden ist 
(cf. Stimming, pag. 51 f.), allein das originelle Silbenschema 
(8 8 8 8 8 4 8) und die isolirt dastehende Reimreihe (or, ir, 
or, ir, atz, ei, atz) berechtigen uns, auch für ihn selbständige 
Erfindung anzunehmen. 

Dagegegen zeigen noch ziemlich engen Anschluss an die 
Form Peire d'Alvernhe's die beiden von ßort del rei d'Arago 
und Rost. Berenguier überlieferten Goblen. Freilich bezieht 
sich die Uebereinstimmung nur auf das Silbenschema, allein 
dies ist schon ein genügender Anhaltspunkt, um Entlehnung 
annehmen zu können für Dichter der Zeit des Verfalls , denen 
von vorne herein keine bedeutende Originalität zugetraut werden 
darf. Hier haben wir es mit einem Beispiele sogenannter 
Antwortgedichte (echanges de couplets) zu thun, jener Art 
dichterischen Verkehrs, welche besonders in der nachclassischen 
Zeit beliebt gewesen ist (cf. P. Meyer, les dem. troub. de la 
Provence, pag. 75). In unserem Falle liegt ein Witzspiel vor, 
das Lo Bort del rei d'Arago dem Rostanh Berenguier zu lösen 
giebt. Das den beiden Goblen, wovon also die eine (Remisio) 
die Antwort auf die andere (Peticio) bildet, zu Grunde liegende 
Reimschema stellt sich so dar: 

, at, et, at, et, in, ar, ta. 





31 



Von Jaufre Rudel de Blaja hat Peire Gardenal in zwei Fällen 
die Form zu seinen Gedichten entlehnt, nämlich dessen Liede 
Nr. 3 (Ganz. : 6 Gobi. 1 Torn.) und Nr. 6. Die Form des ersteren 
Liedes — abb aab — findet sich wieder in dem Liede Peire 
Gardenal's: B. G. 335, 53 (Sirv.: 5 Gobi. 1 Torn.), ausserdem 
noch in folgenden Gedichten: 

Bertran Garbonel 33 (1 Spruch). Bertran d'Alam. 16 (Sirv.: 6 
Gobi. 1 Torn.). Guillem IX. 8 (Vers: 8 Gobi.). Bernart Marti 6. 
461, 140a (1 Gobla). 

Von diesen bieten besonderes Interesse: Jaufre Rudel 3, 
Peire Card. 53 und Bertran Carb. 33; in diesen 3 Gedichten 
begegnet die principielle Verwendung des männlichen Vokal- 
reims (a=i, b = a), ein Gegenstück zu Bern, de Ventadorn 26 
und Peire Gardenal 61 (cf. S. 11). Hinsichtlich des Dichters, 
der zuerst die Form angewendet hat, kann ebensowenig Zweifel 
obwalten, wie in Bezug auf den, der sie mit Vokalreimen ver- 
sehen hat , dieser ist Jaufre Rudel , jener der Graf Guillem IX. 
von Poitiers. Die Form des Liedes von Jaufre Rudel hat Peire 
Gardenal benutzt. Betreffs des Spruches von Bertran Carbonel 
ist die Entscheidung schwieriger zu treffen. Auf der einen 
Seite ist merkwürdig, dass derselbe Gedanke, der die vier ersten 
Zeilen von Jaufre Rudel's Ganzone ausfüllt, sich in etwas breiterer 
Ausführung (unter Hinzufügung eines Vergleichs) in Bertran 
Garbonel's Spruche wiederfindet, ein Umstand, der immerhin 
in Erwägung gezogen zu werden verdient. Jaufre Rudel nämlich 
sagt : »No sap chantar qui so no di, Ni vers trobar qui'ls motz 
non fa« ; ähnlich Bertr. Garb. : »Cobla ses so es enaissi Gol molis 
que aigua non a, Per que fai mal qui cobla fa, Si son non 
Ii don' atressi«. Andererseits ist jedoch sicher, dass Bertr. Garb. 
das Sirventes von Peire Gardenal gekannt hat, da er ihn namentlich 
und einen Vers seines Gedichtes citirt, worauf Bartsch in den Anmer- 
kungen zu den »Denkmäler prov. Literatur« pag. 320 aufmerksam 
gemacht hat. Die Stelle lautet : »Que porc foran en Lemozi« (Bertr. 
Garbonel 39, B. D. pag. 7, v. 8), welche an den Vers 8: »Que 
foron porc en Gavauda« von Peire Cardenal's Sirventes erinnert. 



32 



Wir sind demnach wohl berechtigt, anzunehmen, dass Bertr. 
Carbonel bei Abfassung seiner Gobla 30 auch das Sirventes 
Peire Gardenais vor Augen gehabt hat. In dem Liede Guillem 
IX. sind, was noch bemerkt werden muss, mit Ausnahme von 

5 sämmtliche Reimworte wirkliche oder substantivisch gebrauchte 
Infinitive auf - ar und - ir. 

In dem Gedichte Bertran's d'Alamanon 16 ist das Princip 
der Durchreimung , das in den bisherigen Liedern dieser Form 
beobachtet war, aufgegeben; statt dessen ist in der Weise 
Reimwechsel eingeführt, dass der letzte Reim jeder Gobla als 
erster der nächstfolgenden auftritt. An Stelle des ursprünglichen 
8-Silblers ist in dem Gedichte von Bernart Marti der 7 -Silbler 
getreten; ausserdem ist für den Reim b eine weibliche Reim- 
endung eingeführt; die Reime (es, ia) gehen jedoch durch alle 
Goblen durch. Auch die anonym überlieferte Gobla in N 85 c: 
»Jal mal parlier no po hom tan ferir« hat für b eine weibliche 
Reimsilbe (egna); der ursprünglich unserer Form eigentümliche 
8-Silbler ist hier durch den 10 -Silbler ersetzt. 

Das andere von P. Card, benutzte Lied Jaufre RudePs, Nr. 

6 (Ganz.: 8Cobl.; Stimming, Jaufre Rudel, pag. 32: Sirventes!) 
entsprächt folgendem Reimschema: 

a % b % a % b % b % c\ d s 

os, en, os, en, en, enha, er. 

Ganz genau damit übereinstimmend ist der Strophenbau von Peire 
Cardenal 15 : (Sirv. : 5 Cobl. 1 Tora.). Das Lied von Peire 
Cardenal ist ein Kreuzlied, das zeitlich zu fixren auf Grund des 
sehr allgemein gehaltenen Inhaltes nicht möglich ist. 



Im Anschluss hieran sind folgende 3 Gedichte zu besprechen : 
Guill. Gäbest. 5 (Ganz.: 6 Gobi. 2 Tora.). Bernart Sicart 1 
(Sirv.: 5 Gobi. 1 Tora.). Peire Cardenal 43 (Sirv.: 5 Gobi. 
1 Tora.). 



33 

Der Bau dieser Lieder entspricht dem Reimschema : 
a\b 6 a\b 6 a\b 6 a 4 & 6 c 6 c 6 c 6 ^' 6 d' 8 c 6 c 6 . 
In engere Beziehung treten Guill. Gäbest. 5 und Bernart Sicart 
1 auf Grund folgender Berührungspunkte: Bei beiden tritt alle 
zwei Coblen Reimwechsel (bezw. Reimablösung) ein. Während 
aber bei Guill. de Gäbest. Reim d der ersten und zweiten Gobla 
als Reim a der 3. und 4. Cobla, Reim d dieser Goblen wieder 
als Reim a der 5. und 6. Cobla aufgenommen wird, hat Bernart 
Sicart alle 2 Goblen vollkommen neue Reimsilben eingeführt; 
nur in den ersten beiden Goblen kommt dieselbe Reimreihe 
vor, wie bei G. de Gabestanh, nämlich: ire, en, ei, ensa. Hierzu 
treten folgende innere Uebereinstimmungen : 

G. de Gäbest. 5 beginnt : Li d o u s consire. 

Bern. Sicart 1 beginnt: Ab greu consire. 

G. de Gäbest. Gobla 2, 1 : totz jorn m'azire. 

Bern. Sicart an derselben Stelle : tot jorn m'azire. 
Ferner zeigt der Gedankengang eine so auffällige Verwandtschaft, 
dass Unabhängigkeit von einander ausgeschlossen ist. Das Lied 
Bern. Sicart's hat einen travestirenden Charakter: wie Guill. 
de Cabest. aus Liebessehnsucht eine Ganzone singt, so verfasst 
der andere aus Kummer ein Sirventes ; wie der erstere träumend 
und wachend das Bild seiner Geliebten erblickt, so der letztere 
in gleicher Lage das Elend und die Verderbnis der Welt. In 
dieser Beziehung vergleicht sich also unser Gedicht mit den 
auf Seite 23 und 36 besprochenen Beispielen. 

Die Reimverkettung in dem Sirventese Peire Cardenal's 
zwischen den einzelnen Coblen weicht nun von der bei G. Gäbest. 
5 insofern ab, als schon in der 2. Gobla der Reim d der ersten 
Gobla wieder aufgenommen wird. Folgendes Schema mag dies 
verdeutlichen : 

1. ura, on, es, ensa 

2. ensa, or, utz, eza 

3. eza, en, atz, anha 

4. anha, is, ort, ansa 

5. ansa, er, on, enda. 

3 



34 



Von den bei Guill. de Gabost. verwendeten Reimsilben begegnen 
hier folgende: cn, ensa, is, utz, eza, enda. Dass also wie Bernart 
Sicart auch Peire Gardenal die Form diesem Gedichte von Guill. 
de Gabestanh entlehnt hat, unterliegt hiernach wol keinem 
Zweifel mehr. Die Möglichkeit, dass P. Gardenal sich an Bern. 
Sicart angelehnt hat, ist bei den hervorgehobenen engen formellen 
Berührungspunkten zwischen G. de Gäbest, u. Peire Gardenal 
ausgeschlossen: Dagegen ist die Frage bezüglich der Priorität 
Bernart Sicart's u. P. Gard.'s, die allerdings für die Entscheidung 
über die Entlehnung in diesem Falle nichts bedeutet, schwieriger 
zu entscheiden. Beide Gedichte — Sirventese — schildern das 
Elend der Zeit und die Verworfenheit der Menschen. Bernart 
Sicart bezieht sich zweifellos auf den Albigenserkrieg , in Golba 
2 heisst es: Toulouse und Provence und das Land Agens, 
Beziers und Garcassonne, wie sah ich euch und wie sehe ich 
euch nun! Die beiden letzten Städte fielen im Jahr 1209 in die 
Hände des gegen den Vizgrafen von Garcassonne ausgesandten 
Kreuzheeres; die erstere wurde mit Sturm genommen, die 
letztere musste sich ergeben. Auf diese Vorgänge ist obiger 
Ausdruck zu beziehen. 

Das Sirventes Peire Garden al's hat gleichfalls in den Wirren 
des Albigenserkrieges seinen Entstehungsgrund; auf den An- 
führer des Kreuzheeres Simon de Montfort lässt sich füglich 
folgende Stelle deuten: »Ben es qui planha — quan mals hom 
s'enriquis — als uns mou lanha — e los autres murtris«. 
Dagegen lässt sich die folgende Stelle auch sehr gut mit Esteve 
de Belmont (vgl. P. Card. 19) in Verbindung bringen: »rams 
es de trasion — qui ab aital raison — auci son companho.« — 



Von den Gedichten Peire Vidal's kommen für Peire Gardenal 
folgende drei in Betracht: B. G. 364, 13, 40 und 4. Alle drei 
sind auf Grund der handschriftlichen Attribution für Peire 



35 



Vidal durchaus gesichert. Mit dem ersteren, Nr. 13 (Ganz.: 
6 Gobi. 2 Tom.) haben zunächst folgende Gedichte den 
gleichen strophischen Bau, der sich durch das Reimschema: 
aaabb che d cid d (6 S.) darstellen lässt: Peire Gardenal 31 
(Sirv.: 5 Gobi. 1 Tom.). Raimon de Tors 6 (Sirv.: 5 Gobi. 
1 Torn.). Garin d'Apchier 8 (Sirv.: 3 Gobi, nach D; ausser- 
dem bei R. Ch. V, 449 eine in B nicht enthaltene). Garin 
d'Apchier 7. 

Zunächst ist nachzuweisen, dass dem Sirventese Peire Vidal's 
die Priorität zukommt. Es ist laut der Auseinandersetzung von 
Bartsch (Peire Vidal, Einltg. S. 54) im Jahre 1196 entstanden, 
jedenfalls aber noch vor dem Tode des Kaisers Heinrich VI. 
(1197). Schon aus der engen Anlehnung an Peire Vidal's Lied 
sowol in metrischer als reimtechnischer Beziehung ist für Peire 
Gardenal Entlehnung zweifellos; es treten jedoch sogar einige 
gleichlautende Wendungen auf (vgl. S. 23.), die die Tatsache der 
Nachahmung erst recht zur Evidenz erheben, so: »quan que tric« 
(P. Vidal G. 6, 11. — Peire Gardenal v. 32); »o die« (P. Vidal 
2, 11. — P. Gardenal v. 24). Hiernach bedarf es der Anführung 
der in beiden Gedichten vorkommenden gleichen Reimworte 
nicht mehr. Das Sirventes Peire Gardenal's richtet sich gegen 
die Habsucht der Geistlichen, besonders ihre Sucht nach welt- 
lichem Besitz; »die Alcays (s. Stimming, B. de Born, Anm. 
pag. 233) und Almansors haben nicht zu fürchten, dass der 
Abt und der Prior sie angreifen und ihrer Besitzungen sich 
bemächtigen wollen, stets sinnen sie (d. i. die Geistlichen) 
darüber nach, wie sie es anzufangen haben, damit die Welt 
ihnen gehöre, und wie sie Friedrich aus dem Sattel werfen 
können«. Es kann kein anderer als der deutsche Kaiser Friedrich 
II. gemeint sein ; demnach muss das Sirventes mindestens nach 
1220, in welchem Jahre er zum Kaiser gekrönt wurde, ent- 
standen sein. 

Das Sirventes Raimon's de Tors (Nr. 6) gehört der 2. Hälfte 
des 13. Jahrh. an. Wenn wir auch nicht im Stande sind, die 
dem Gedichte zu Grunde liegenden Tatsachen sämmtlich zu 



36 



deuten, so ist doch soviel sicher, dass unter dem »Don Enric« 
der Prinz Heinrich von Gastilien, der Bruder des Königs 
Alfons X. von Castilien (1252—84) zu verstehen ist, derselbe 
Heinrich, der seine Jugend als Abenteurer unter den Sarazenen 
in Tunis zubrachte und später als Bundesgenosse Konradin's 
mit diesem in der Schlacht bei Scurcola (1268) gefangen 
genommen wurde. Dass unser Dichter dieser Zeit angehört, 
geht aus dem Gedichte: »Ar es ben dretz que valha mos 
chantars« gleichfalls hervor; in diesem wird (Gobla 4) der 
König Manfred als erwählter Regent bezeichnet; dieser liess 
sich 1258 auf dringenden Wunsch des Volkes von den Grossen 
des Reiches zum König (von Neapel und Sicilien) ausrufen. 

Von den beiden Gedichten Garin's d'Apchier stimmt das 
eine (Nr. 8) auch hinsichtlich der Reimreihe (or, ir, ia, ic) 
mit den bisher besprochenen vollständig überein; von diesem 
Gedicht druckt Raynouard, Choix V, 449 (nach welcher Hand- 
schrift?) eine in D nicht erhaltene Gobla teilweise ab, die mit 
Peire Vidal's Lied, speciell dessen erster Gobla, in naher Be- 
ziehung steht; wir haben es hier nämlich wiederum mit einer 
»Parodie« zu thun (vgl. Seite 33). Nr. 7 dieses Dichters hat 
eine (teilweise) andere Reimreihe, nämlich: es, ir, ia, os. Auch 
dieser Dichter gehört der späteren Zeit an; das bezeugen auch 
die durchgängig auf - as auslautenden 2. pers. plur. der Verben 
der a-Gonjugation ; in Gedicht Nr. 2 sind sie mit regelrecht 
gebildeten R.eimen auf -as gebunden (vgl. über diese Erweichung 
des auslautenden -tz in -s Bartsch, Einleitung zur Sancta 
Agnes, Seite XV). Beide Gedichte sind an »Veills Gomunals« 
gerichtet, worunter wahrscheinlich Torcafol verstanden ist. 
Da eine Auseinandersetzung dieses Verhältnisses ein genaues 
Eingehen auf die übrigen, zum grössten Teil sehr entstellt und 
unvollständig überlieferten Gedichte dieser beiden Dichter 
erfordert, so darf ich wol hier davon Abstand nehmen. 

Das zweite der oben angeführten Lieder Peire Vidal's, 
Nr. 40 (Ganz.: 7 C. 4 Tom.) hat die Form a'b'ab'ccb (10 S). 

etra, ansa, os. 



37 



denselben strophischen Bau zeigen noch: Peire Cardenal 24 
(Sirv.: 5 Cobl. 1 Torn.). Uc de S. Circ 5 (2 Goblen). Uc de 
S. Circ 22 (Ganz.: 2 Gobi. 1 Torn.). Palais 3 (1 Gobia). Lanza 
Marq. 1 (P. Vidal 19) (Sirv.: 3 Gobi.). Guill. Montaign. 5 
(Sirv.: 5 Gobi. 2 Torn. 461, 79. 1 Gobla). 

Peire Vidal 40 ist an Vierna, die Gemahlin des Vizgrafen 
Barrai gerichtet. Es muss nach seiner Rückkehr nach Frankreich 
entstanden sein (cf. Diez, a. a. o. pag. 164. — Bartsch, Peire 
Vidal's Lieder, Einleitung pag. 18 und 29). In derselben Form 
und denselben Reimsilben ist das Schmähgedicht des italienischen 
Marques Lanza auf Peire Vidal verfasst. Wegen der dem 
Gedichte zu Grunde liegenden Begebenheiten verweise ich auf 
Bartsch, Einleitung zu P. Vidal's Liedern, S. 17. Merkwürdig 
ist, dass Peire Vidals Erwiderung, die dem poetischen Gebrauch 
gemäss, dieselben Reimsilben benutzte, sich auf eine einzige 
Gobla beschränkt, während der Marquis in zwei Goblen ihn 
verhöhnt. In inhaltlicher Beziehung schliesst sich an diese 
Erwiderung Peire Vidal's eng an eine unter dem Namen des 
Troubadors Palais (B. G. 315, 3) überlieferte Gobla. In seiner 
Entgegnung sagt Peire Vidal: »Vos etz com Porbs qui piss' en 
la carreira« ; Palais 3: »mas atressi com l'orbs qui peiras lansa«. — 
Peire Vidal 19, 8 »que peiras non lansa« Palais 3, 4: »qui peiras 
lansa.« An Peire Vidal hat sich dann auch Peire Gardenal in seinem 
Sirventes angelehnt, dessen Abfassungszeit sich aus Mangel an 
individuellen Zügen nicht bestimmen lässt; es ist ein Rügelied 
gegen die Habsucht, Schwelgerei und Gottlossigkeit der Welt; 
nur »der sei tugendhaft, welcher Liebe und inniges Vertrauen 
zu Gott besitze.« 

Die beiden Gedichte von Uc de San Girc sind nicht voll- 
ständig erhalten; von Nr. 5 sind 2 Goblen erhalten, von Nr. 22 
2 Goblen und eine Tornada). Keins von ihnen bietet einen 
sichern Anhaltspunkt zur näheren Bestimmung. Bezüglich der 
noch übrigen Gedichte, die sowol hinsichtlich des Metrums als 
der Reimreihe von den bisher besprochenen ausweichen, können 



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wir uns kurz fassen. Das Reim- und Silbenschema von Guillem 
Mont. 5 lässt sich durch diese Figur darstellen: 

a 7 b\ o, b\ e% c' 7 V 5 

ein, ensa, eia, ensa, ara, ara, ensa : 

Diez hat a. a. o. S. 577 nachgewiesen, dass das Gedicht auf 
Grund der historischen Anspielungen nach 1249 entstanden 
sein mus. 

Das anonyme Gedicht endlich (B. G. 461, 79), eine einzelne, 
in GQTf (anonym GQ, Peire Card. unter Liedern von ihm T) 
erhaltene Gobla, ist in 8-Silblern und den Reimsilben eu, ai, on 
abgefasst; es bezieht sich auf Andre de France (vgl. G. Paris, 
Romania), der für thöricht gehalten wird, weil er den Tod 
gesucht habe. P. Meyer, les dern. troub. de la Prov. pag. 67, 
Anm. 3 emendirt in der Weise, dass sich die Form: aaabccb 
herausstellt, indem er die zweite Zeile ebenfalls auf -eu reimen 
lässt; jedoch bietet die Handschrift 6r, die durch Q unterstützt 
wird, offenbar mit der Reimfolge: eu, ai, eu, ai, on, on, ai 
das Richtige. 

Peire Vidal 4 (Ganzone: 7 Gobi. 2 Torn.) endlich, der 
Formel abb accdd (10 S.) entsprechend gebaut, schliessen sich 
folgende Lieder an: Bertran Garbonel 83 und 75 (2 Sprüche). 
Duran, sartre de Garpentras 1 (Sirv.: 5 Gobi. 1 Torn.). 461, 
130 (1 Gobla). Peire Gardenal' 16 (Sirv.: 5 Gobi. 1 Torn.). 
Peire Pelissier 1 (Sirv.: 2 Gobi.). Peire Gardenal 37 (Sirv.: 
8 Gobi. 1 Torn.) Uc de l'Escura 1. 

Bevor wir in die eigentliche Untersuchung dieser Gruppe ein- 
treten , müssenwir uns zunächst mit der handschriftlichen Attribution 
von P. Card. 37 einerseits und Duran Sartre 1 andererseits 
abfinden. Das B. G. 335, 37 aufgeführte Gedicht: »Mon chantar 
voill retrair' al comunal« gehört nach den Handschriften C und R 
Raimon de Gastelnou und findet sich anonym in /', während 
B h MT es unter P. Cardenal's Namen überliefern. Nun bemerkt 
Groeber in seiner Untersuchung über die provenzalischen Lieder- 
handschriften, pag. 664 zu diesem Gedichte: »wol Raimon de 
Castelnou gehörig«. Es ist jedoch a*us folgenden Gründen 



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angebracht, der von Bartsch (B. G. 335, 37) eingeführten 
Attribution zuzustimmen. Zunächst zwingt uns die hand- 
schriftliche Ueberlieferung keineswegs, das Gedicht Raimon de 
Castelnou zuzuweisen, da nur zwei Handschriften, C und B, 
die ausserdem noch denselben Typus darstellen, es unter seinem 
Namen bieten. Zu einer endgültigen Entscheidung führt aber 
die Prüfung des Gedichts nach der formellen und inhaltlichen 
Seite. Die Gedichte Raimon's de Castelnou, die sämmtlich nur in 
C erhalten sind und, bis auf Nr. 5, noch dazu von Greg. Imbert 
de Castelnou beigelegt werden, weisen folgende Strophenformen 
auf: 

a g a 8 b s b s c 6 b & b % c\ 2. (o, o, ens, ens, airc, ens, ens, aire) 
a^b^a^b^c^c % d l0 d l0 3. (or, e, or, e, ensa, ensa, ay, ay) 
abbaccdd (7 S.) 1. (atz, or, or, atz, o, o, ieus, ieus) 
abbc c d' d' (7 S.) 5. (au, ar, ar, ia, ia, oja, oja) joja, croja 

Refrainreime. 

abbcdd (7 'S.) 4. (ier, an, an, enha, on, on). 
Es ist also die dem streitigen Gedicht eigene Form — 
abbaccdd — wohl vertreten (durch Nr. 1) bei Raim. de 
Casteln. ; aber das dem ersteren zu Grunde liegende Versmass 
(der 10-Silbler) findet sich bei letzterem nur in Gedicht Nr. 3 
mit anderen Versarten (7- und 6 -Silblern) gemischt. Ferner 
ist hervorzuheben, dass Raimon's de Castelnou sämmtliche 
5 Gedichte der Gattung der Canzonen angehören, unser Gedicht 
aber ein Sirventes ist, und dass ferner von Peire Cardenal 
nicht allein mehrere andere vollkommen gesicherte Sirventese, 
in denen er dasselbe Thema, wie im vorliegenden, behandelt, 
vorhanden sind, sondern auch ein zweites Sirventes, das aller- 
dings nur in C erhalten ist, an dessen Echtheit zu zweifeln 
jedoch kein Grund vorliegt, dieselben Reimsilben und dasselbe 
Versmass aufweist (B. G. 335, 16). 

Ueberhaupt stimmt der Ton des Ganzen vortrefflich zu 
dem seiner übrigen Sirventese; von wörtlichen Anklängen an 
Stellen in P. Card.'s Sirventesen hebe ich folgende hervor: 

Cobla 7, 8: »ayssel senhor quens formet de nien« (ähnlich 



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P. Card. 27, Gobla 69. - P. Card. 67, 3. — Peire Card. 55, 4). 

Gobla 4, 6: »Ben tenc per folh« (vgl. P. Card. 11, 1. — P. 
Card. 40, 1) 

Cobla 2 (vgl. Cobla 2 v. P. Card. 31) 

Cobla 4: »monge nier« (vgl. P. Card. 64, letzte Cobla) 

Cobla 5, 2 : »ni legistas per tort a mantenir« (vgl. P. Card. 60, 3) 
Auf Grund dieser Erwägungen schreibe ich das Gedicht Peire 
Card. zu. 

Schwieriger ist die Entscheidung bezüglich Duran sartre 
de Garpentras 1 ; hier stehen sich zwei Handschriften gegenüber, 
von denen C das Gedicht dem obigen Dichter, M dem Peire 
Bremon beilegt. Da jedoch keine bestimmten Kriterien es für 
Peire Bremon in Anspruch zu nehmen zwingen, so können 
wir an der von Bartsch getroffenen Entscheidung wohl festhalten. 
Der Umstand, dass in diesem Gedichte — es ist ein Sirventes — 
mehrere Personen (Seinhor del Tor, mieg prince, Raimonet) 
namhaft gemacht werden, möchte gegen die Autorschaft P. 
Bremons's, der dies nicht liebte, in die Wagschale fallen. 

Ueber die einzelnen Gedichte selbst genügen wenige Be- 
merkungen ; sämmtlichen liegt die Reimreihe : cd, ir, ir, dl, ieu, 
ieu, en, en zu Grunde. Das Gedicht Uc's de l'Escura beginnt 
mit der Bemerkung, »er brauche in Bezug auf das Dichten 
weder Peire Vidal, noch Albertet etc. zu fürchten«. Diese 
Bemerkung hat doch nur dann einen Sinn, wenn dem Dichter 
Erzeugnisse Peire Vidal's überhaupt bekannt waren. Das Ge- 
dicht Peire Vidal's, welches dieselbe strophische Form und die 
nämliche Reinireihe zeigt, hat Bartsch, a. a. 0. pag. 33 auf 
Grund der historischen Anspielung in der ersten Tornada nach 
1187 gesetzt. Es ist demnach seine Priorität gegenüber sämmt- 
lichen übrigen Gedichten sicher. Auf die Erwähnung von 
Peire Vidal, Albertet, Perdigo, Aimeric de Pegulhan, Arnaut 
Romieu, Fonsalada, Pelardit und Gulaubet in der ersten 
Cobla des Gedichtes von Uc de l'Escura will ich nicht weiter 
Gewicht legen; die Annahme, dass zur Zeit der Abfassung 
unseres Gedichts diese Trobadors und Jogiars noch gelebt haben, 



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ist nicht unbedingt erforderlich. Gobla 3 enthält aber folgende 
historische Anspielung: »Aissi quol fait del rey emperial De 
Castella val mais ses tot mentir Que de nulh rey qu' hom 
puesc el mon chauzir Son sirventes qu'ieu fas pus natural — « 
Dies lässt sich füglich auf Alfons VIII. (El Noble) von 
Gastilien (1158—1214) deuten, der unter seinen Zeitgenossen 
in hohem Ansehen stand; und zwar möchte unter der That 
des kaiserlichen Königs die Schlacht bei Navas de Tolosa zu 
verstehen sein, in der er nach Angabe der »Art de verifier les 
dates« VI, 551 f. die Mauren unter Mehemed En-näsir gänzlich 
besiegte. Diese Schlacht fand statt am 16. Juli 1212 (Schirr- 
macher, Geschichte von Spanien, pag. 301 f.). 

Die beiden Sirventese Peire Gardenal's sind ebenfalls durch 
Peire Vidal's Lied formell beeinflusst. Nr. 16 bietet zur Be- 
stimmung der Abfassungszeit keinen Anhaltspunkt. Nr. 37 
möchte nach 1227 entstanden sein; in Gobla 8 heisst es: »Von 
allen Königen hält man den König Alfons für den tüchtigsten, 
von den Grafen den von Rodes, von den Prälaten den von 
Memde(?), und unter den Rittern dessen Bruder.« Unter dem 
Könige wird man Alfons IX. von Leon (1188—1229) zu ver- 
stehen haben , unter dem Grafen von Rodes Hugo IV. (1227—74) ; 
demnach wäre das Sirventes zwischen 1227 und 1229 verfasst. 

Ueber die Tenzone Peire Pelissier's mit dem Dalfin d'Alvergne 
hat Diez, pag. 111 das Nötige angemerkt. 

Die Form der beiden Sprüche Bertran Carbonel's ist wieder 
Peire Cardenal entlehnt. 

Bemerkung: Die vollständige Arbeit wird in »Ausgaben 
und Abhandlungen aus dem Gebiete der romanischen Philologie 
veröffentlicht von Edmund Stengel. Heft V.« erscheinen. 



Lebenslauf. 



Geboren den 18. October 1858 zu Dahlerbrücke in Westfalen, erhielt 
ich den ersten Unterricht in den Elementarfächern in der Volksschule 
meiner Heimat. Darauf besuchte ich drei Jahre lang von Ostern 1870 bis 1873 
die Rektoratschule zu Breckerfeld, wo ich durch den jetzt verstorbenen 
Rektor Kretzschmar zum Besuche der Realschule I. Ordnung zu Hagen 
i. Westf. vorbereitet wurde. Ostern 1878 mit dem Zeugnis der Reife 
entlassen, studirteich zwei Semester lang romanische und deutsche Philologie 
auf der Kaiser-Wilhelms-Universität Strassburg, die ich Ostern 1879 mit 
Bonn vertauschte. Herbst 1879 kam ich nach Marburg, wo ich vier 
Semester immatrikulirt war. Meine Lehrer, denen ich an dieser Stelle für 
die rege Förderung meiner Studien meinen innigsten Dank ausspreche, waren 
in Strassburg die Herren: Böhmer, ten Brink, Koschwitz, Lahm, 
Levy, Martin, Rödiger, Erich Schmidt; in Bonn: Andresen, 
Birlinger, Bischoff, Foerster, J. B. Meyer, Schaarschmidt, 
Wilmanns; in Marburg: Bergmann, Birt, Koch, Lucae, Stengel, 
Varrentrapp.